Warum die Finanzkrise langsam nervt – Teil 2: Griechenland

 
Im Moment treiben uns zur Abwechslung nicht nur die Banken an den Rand des Abgrunds, sondern gleich ganze Staaten. Allen voran Griechenland.
Griechenland ist de facto bankrott. Wenn es noch vor einigen Jahren unvorstellbar war, dass ein gesamtes Land vor dem Konkurs stehen kann, werden wir plötzlich mit dieser Situation konfrontiert. Jetzt darf Europa Unmengen an Geld zuschießen, um genau diesen Wahnsinn abzuwenden.
Das fast Unglaubliche daran ist, dass wir, also jene Staaten, die noch nicht bankrott sind und deswegen die Geldgeber spielen dürfen, Griechenland über 100 Milliarden Euro »leihen« müssen, damit dieses Land überhaupt die Chance hat, in ein paar Jahren auf einen Schuldenstand zu kommen, der 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht!
 
Das muss man sich erst mal vorstellen!
 
Unter dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) versteht man jenen Wert, den ein Staat innerhalb eines Jahres an Gütern herstellt. Also alles, das ein Land produziert, seien es Waren oder auch Dienstleistungen. Griechenland verzeichnet jetzt aber einen Schuldenberg, der – sollte es glänzend laufen – vielleicht irgendwann einmal an das 120fache deren Wertschöpfung heranreicht!
Erst wenn dieses Ziel erreicht wurde – und hier stellt sich überhaupt die Frage, ob das jemals passiert – kommen wir in die Situation, dass Griechenland »nur noch« gigantische Schulden hat. Immerhin eine Entwicklung. Zuvor war es ein Schuldenstand, für den es keinen Begriff gibt, jetzt ist es zumindest das Wort »gigantisch«.
Wie krank ist dieser Umstand eigentlich?
 
Ich drücke es mal vorsichtig aus: Wenn ich dem Franzi, den fünfjährigen Sohnemann meiner dicklichen Nachbarin schräg gegenüber erkläre, dass der Onkel Gustav nie Geld hat, weil er viel öfter zu Hause sitzt, als arbeiten geht und ich Franzi frage, ob er dem Onkel Gustav mal ein paar Euro leihen kann, dann wird dieser ganz spontan mit „Nö!“ antworten.
Der kleine Franzi hat vielleicht nicht Betriebswirtschaft studiert und er ist kein Finanzminister, aber er hat kapiert, dass beim Onkel Gustav Hopfen und Malz verloren ist. Das Geld ist er los und Onkel Gustav ist wenige Tage später genauso blank wie vorher. Die paar Euro könnte der Bub auch in der Sandkiste vergraben. Hätte den gleichen Effekt.
Wenn heute ein mittelständisches Unternehmen zur Bank geht und dort sagt, dass sie zwar  Unmengen an Schulden, aber dafür kein Konzept haben, dann wird die Bank nicht nur den  Kredit verweigern, sondern sofort alle anderen Außenstände einfordern und das Unternehmen auf diese Weise über die Wupper springen lassen.
Nicht so im Falle Griechenland.
 
Es stellt sich die Frage, wie es zu einer solchen Situation überhaupt kommen kann.
Im Grunde – so sehe ich es zumindest – »funktioniert« ein Staat ähnlich einem gewaltigen Unternehmen; am besten mit einem Dienstleistungsunternehmen vergleichbar.
Die Einnahmen werden durch Steuern erzielt, allen voran die Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer, Gewerbesteuern und Zollsteuer. Mit dieser Kohle schafft ein Staat jene Lebens- und Arbeitsbedingungen, die der Bevölkerung so einen Wahnsinnsspaß bereiten. Der Staat baut also Straßen, sorgt für die öffentliche Sicherheit, und wenn es irgendwo brennt, dann hat so ein Land idealerweise eine Feuerwehr, die alles nass macht. Es kümmert natürlich auch darum, dass sich andere Firmen hier wohlfühlen und investieren.
So kann man – sehr vereinfacht – beschreiben, wie so ein Staat eigentlich geführt wird. Wie kommt es jetzt zu einer solch überirdisch hohen Staatsverschuldung? In erster Linie dann, wenn es an Einnahmen fehlt, sprich: Das Volk keine Abgaben leistet oder der Anteil der Ausgaben jene der Einnahmen exorbitant übersteigt.
Und genau das ist bei Griechenland der Fall.
Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, dass in diesem Land scheinbar keine Sau auch nur einen Euro an Steuern zahlt, niemand so gerne arbeiten geht, aber dafür möglichst früh in Rente und das schon seit ewigen Zeiten und niemand der Staatenlenker dort unternimmt etwas. So wie ich es verstehe, dürfte Bestechung und Betrug so natürlich sein, wie der tägliche Gang aufs Klo.
Beispiele gefällig?
Wenn die Einkommenssteuer fällig wird, dann geht der Grieche zum Steuerberater. Dem zahlt er dann etwas mehr an Honorar, natürlich unter der Hand und steuerfrei. Das motiviert den Steuerberater dermaßen, dass er den Steuerbescheid so hinbiegt, dass die Einnahmen und Ausgaben seines Auftraggebers nahezu gleich sind. Ergebnis: Der Grieche muss keine Steuern zahlen.
Handwerksarbeiten werden in Griechenland traditionsgemäß von Onkeln, Freunden oder Blutsbrüdern durchgeführt. Rechnungen braucht da keiner und daher werden auch keine Steuern ausgewiesen. Wieder steht der Staat mit leeren Händen da. Wenn ich als griechisches Unternehmen Ware aus dem Ausland kaufe, dann bekommt der Zollbeamte natürlich Bestechungsgeld und ich erspare mir die Zollsteuer. Und so weiter und so fort.
So etwas kommt in nahezu jedem Land vor, keine Frage. Im Falle von Griechenland dürfte aber jeder so vorgehen und das ist das Fatale. Natürlich gehören immer Zwei dazu. Die Politiker haben es über Jahrzehnte versäumt, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und durch dieses Verhalten entstand bei den Leuten eine Mentalität, die man am besten als »fehlendes Unrechtsbewusstsein« beschreiben kann.
Fehlendes Unrechtsbewusstsein? Wenn man das liest, könnte man direkt versucht sein anzunehmen, dass unser geschasster Bundespräsident Wulff ein Grieche ist, nicht wahr?
 
Vetternwirtschaft, Bestechung, Schmiergelder in Verbindung mit einer rammdösigen Regierung, die nur die nächsten Wahlergebnisse im Blick hat, haben zu dieser Entwicklung in Griechenland geführt.
So, jetzt ist die Halbinsel mit den vielen bunten Inseln ein Mitgliedsstaat in der Europäischen Union. Dort hat man auch den Euro eingeführt, sehr toll.
 
Als Mitgliedsland der Europäischen Union gilt es, Vorgaben – also Kennzahlen – einzuhalten, die wirtschaftliche Stabilität sichern sollen. Dazu zählt beispielsweise, dass ein bestimmter Wert der Neuverschuldung nicht überschritten werden darf, die Inflation (die Geldentwertung) nicht über ein gewisses Maß hinauszugehen hat, etc. Auch Griechenland lieferte jahrelang brav die entsprechenden Zahlen. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass sämtliche Angaben erstunken und erlogen waren. Man hatte einfach Statistiken erfunden.
Machen wir es mal wieder mit einem kleinen Beispiel aus dem täglichen Leben deutlich: Ich sitze einem Bankberater gegenüber, weil ich einen Kredit benötige. Der Berater wird an seiner Krawatte zupfen und mich nach meinem Vermögen fragen. Das macht er jetzt nicht aus krankhafter Neugierde, sondern die Bank möchte einfach wissen, wie sie ihr Geld wieder bekommt, wenn ich meine Raten nicht mehr zahlen sollte. Am Beispiel Griechenlands würde ich dann der Bank sagen, dass ich ein paar Immobilien besitze, und zwar den Reichstag, das Schloss Schönbrunn und Disneyland in Paris. Nebenbei bin ich auch stolzer Mehrheitseigentümer der Osterinseln und besitze das Vorverkaufsrecht auf alle bengalischen Tiger. Die Bank (in unserem Beispiel stellvertretend für die Kontrollinstanzen der EU) beginnt heftig zu applaudieren, wird mir das Geld in den Arsch blasen und mich auch noch am Sonntag zu Kaffee und Kuchen einladen.
So funktioniert das mit den Kennzahlen in der EU und jetzt wissen wir, warum Griechenland so lange mit der Nummer durchkam.
 
Jeder, der schon einmal für eine größere Anschaffung einen Kredit benötigte, sagen wir mal für eine Immobilienfinanzierung, der weiß, dass man diese Sicherheiten auch beweisen muss. Es genügt daher nicht, den Bankberater treudoof in die Augen zu schauen und »Schloss Schönbrunn« zu murmeln, sondern der will dann die entsprechend beglaubigte Urkunde dazu sehen. Es geht hier also um die Prüfung der Angaben.
Jetzt ist es so, dass halb Brüssel, dem Hauptsitz der EU, aus Beamten der Europäischen Union besteht, also ein riesiges Heer an Verwaltungsbeamten in Belgiens Hauptstadt durch die Gegend läuft. Scheinbar dürfte die dortige »Prüfabteilung für Finanzen« nicht vorhanden sein oder eine schreckliche Seuche hat dazu geführt, dass diese Abteilung eine Sperrzone ist, die niemand betreten darf.
 
Gut, Griechenland hat also alle betrogen: die Bevölkerung den Staat und der Staat die Bündnispartner.
Wenn man von vorne bis hinten verarscht wird, dann gibt es normalerweise irgendwann einen gewaltigen Tritt in den Hintern und das war´s.
Nicht so im Falle Griechenlands.
Wir wurden zwar alle für dumm verkauft, aber nun macht sich die Regierungen der anderen Länder Gedanken, wie man den armen Griechen jetzt helfen könne.
Sie brauchen also riesige Geldsummen, die Griechen.
Gut, dann geben wir ihnen die gewaltigen Geldsummen, und wir verpflichten die Griechen, uns das Geld wieder zurückzuzahlen.
Klar, die Griechen sind ja für ihre unglaubliche Verlässlichkeit bekannt! Wird schon klappen, sage ich mal!
Super!
Warum passiert mir das nie, dass mir jemand Geld geben will und nicht wirklich erwartet, dass ich es wieder zurückzahle?
 
Wenn wir den Griechen jetzt Hunderte Milliarden in den Rachen stopfen, dann muss Griechenland dafür auch etwas tun. Schulden reduzieren zum Beispiel. Das haben die Finanzminister der anderen Länder vehement gefordert und sogar Schäuble soll dabei ganz aufgeregt im Rollstuhl herumgewackelt sein.
»Klar!«, sagt Griechenland, »Wir reduzieren die Schulden. In zwei, maximal 3 Jahren sind wir sowas von schuldenfrei, da werden alle gucken, werden die da!«, sagt die Regierung in Athen. Na, wenn die das sagen, dann wird das auch stimmen.
Für einen Staat bedeutet ein solcher Schritt natürlich gewisse finanzielle Einschnitte. Kennt jeder, versteht jeder.
Es muss das Renteneintrittalter nach hinten verschoben werden. Schmerzhafte Dinge wie Gehaltskürzungen, Steuererhöhungen und auch Entlassungen sind dann die Folge.
Wir kennen das auch hier in Deutschland. Wenn es dem Land schlechter geht, dann müssen wir alle zusammenhelfen. Man geht halt erst mit 67 in Pension, nimmt eine Erhöhung der Mehrwertsteuer in kauf und die Pendlerpauschale? … gut, die wird reduziert. Gürtel enger schnallen, dann klappt es schon! Keiner jubelt deswegen, aber irgendwie sieht man es ein.
Es ist notwendig, da ansonsten das Land dem wirtschaftlichen Ruin geweiht ist.
Viele Länder, ganz vorne mit dabei Deutschland, zahlen also Unsummen, damit der hübsche Staat am Mittelmeer weiter existieren kann.
Na, da ist aber die Freude riesengroß, nicht wahr?
Ist sie nicht, denn für die Griechen sind jetzt die Deutschen die großen Arschlöcher! Schließlich sind die bösen Deutschen dran schuld, dass man jetzt plötzlich Steuern zahlen muss und nicht mehr mit fünfzig Jahren in Rente gehen darf! Da werden nun bei Protestkundgebungen deutsche Flaggen verbrannt und wir als Nazis beschimpft. Gleichzeitig beteuert die Regierung in Athen, dass sie sich so unglaublich anstrenge, alle Reformen durchzuführen. Wenn man diesmal nachrechnet, stellt man fest, dass die griechisches Regierung die geldgebenden Länder schon wieder beschissen hat, weil erneut sämtliche Kennzahlen manipuliert wurden.
Und was machen wir?
Die Regierungslenker setzen einen bösen Blick auf, drohen ganz entschieden mit dem Zeigefinger … und überlegen sich, wie sie die Hilfszahlungen aufstocken können.
 
Fassen wir auch hier mal zusammen:
Im Falle Griechenlands haben wir es mit einem Staat zu tun, dessen Bevölkerung so durchtränkt von Misswirtschaft und Bestechung ist, dass hier kein Verständnis für die massiven finanziellen Probleme aufkommt. Wir haben es gleichzeitig mit einer Regierung zu tun, die über viele Jahre hinweg nicht willens war, etwas dagegen zu unternehmen.
Es müssen nun unglaubliche Geldsummen investiert werden, um dieses Land vor dem Bankrott zu bewahren.
Die Griechen selbst sind jetzt sauer auf die Geldgeber, weil diese nicht einfach die Kohle abdrücken, sondern es auch noch wagen, die Finanzhilfen an Bedingungen zu knüpfen.
Griechenland drängt jetzt auf die Kohle, ohne auch nur irgendetwas an ihrer Misswirtschaft ändern zu wollen.
 
Gehen wir davon aus, die Kohle wird gezahlt.
Was passiert weiter?
Nichts wird passieren, denn Griechenland wird in wenigen Jahren wieder vor dem Bankrott stehen. Wenn ein gesamtes Land kein Unrechtsbewusstsein besitzt, wird es sein Verhalten auch nicht ändern!
Gleichzeitig werden diese gewaltigen Geldsummen irgendwann einen kritischen Wert erreichen und ganz Europa in eine wirtschaftliche Depression führen. Wenn es also dumm läuft, haben wir bald eine Finanzkrise ungeheuren Ausmaßes.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
Und auch diesmal sind wieder die Banken im großen Stil daran beteiligt!
Warum?
Irgendjemand muss den Griechen ja bis dato Geld gegeben haben.
 
Wie die Banken in diesem Spiel ihre Gewinne erzielen und warum Politiker beim Gedanken daran, Griechenland aus der EU zu werfen, Panikattacken bekommen, erzähle ich im nächsten Teil. 😉
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Warum die Finanzkrise langsam nervt – Teil 1: Die Banken

 
Die Finanzkrise ist ein ernsthaftes Problem. Keine Frage.
Die Auswirkungen eines weltweiten Finanzkollaps wären fatal für uns alle. Die Chancen dafür stehen – mal wieder – leider gar nicht so schlecht. Die USA konnte erst letztes Jahr einen finanziellen Bankrott nur knapp abwenden. In Europa erinnern einige Länder an den Onkel Gustav (den sicherlich jeder in seiner Familie hat), der zwar immer pleite ist, aber bei Familienfeiern stets das Buffet plündert und alle mit seinen klugen Sprüchen nervt. Die Risikoländer in Afrika sind weiterhin vollkommen verarmt und in Russland wird zwar ein kleiner Teil der Bevölkerung stetig reicher, dafür das Land aber ärmer. 
 
Ich nehme an dieser Stelle die Antwort gleich vorweg:
Die Finanzkrise und ihre Auswirkungen für uns alle schwebt wie ein Damoklesschwert über jeden von uns. Hier möchte ich nichts beschönigen, noch verharmlosen und am allerwenigsten werde ich die drastischen Folgen  ins Lächerliche ziehen. 
Was mich allerdings nervt, ist die Art und Weise, wie man uns für dumm zu verkaufen versucht. Staatenlenker treten in dieser Situation als spendable Geldgeber auf, gaukeln ihren Bürgern mit knackigen Begriffen wie »Rettungsschirm« Konstellationen vor, die bestenfalls hoffnungslos weltfremd sind. Genau dieses Wort – Rettungsschirm – soll dem braven Steuerzahler glaubhaft machen, dass mit einer finanziellen Hilfe einem maroden Land so weit geholfen wird, dass dieses dann in der Lage ist, sich aus eigener Kraft wieder zu gesunden. Dass dies eben gar nicht der Fall sein kann, beschreibe ich im Laufe dieser Artikelreihe. 
 
Verschiedene Unternehmen stürzen sich auf die momentane Situation und versuchen bestmöglichen Profit daraus zu erzielen. Mir kommt es so vor, wie auf einem in Seenot geratenen Kreuzfahrtschiff, wo sich unser Onkel Gustav die Taschen mit dem Silberbesteck vollstopft, während die anderen Passagiere ihr Leben zu retten versuchen und zu den Rettungsbooten stürmen. Als Beispiel seien hier die Mineröl-Konzerne genannt, die mit fadenscheinigen Ausreden die Ölpreise in die Höhe jagen und unglaubliche Gewinne (!!) von Hunderten Milliarden Dollar erzielen. Ich rede hier nicht von Umsätzen; ich rede von Gewinnen, jenes Geld, das nach Abzug der Ausgaben in den Taschen verbleibt (einfach ausgedrückt). Auch die Banken erfreuen sich an dieser Entwicklung und lassen die Zinsen steigen. Eine Entwicklung, an der sie sogar wesentlich beteiligt sind, aber dazu später mehr. Die Geldhäuser verdienen oftmals doppelt: vor der Krise, weil sie nur mit hohen Zinssätzen den Staaten Geld leihen; und wenn die Krise ausgebrochen ist, weil dann die Leitzinssätze erhöht werden »müssen«.
Wortreich und nachhaltig erklärt man uns dann die Notwendigkeit von Steuererhöhungen oder gestrichenen Leistungen, die wiederum frisches Geld beschaffen sollen für neue waghalsige Finanzspielchen.
Ich frage mich zeitweise, ob die Regierungen ihre Bürger für wirklich so blöd halten, dass sie annehmen, wir würden ihre Geschichten glauben.
 
Wer erinnert sich nicht an die Bankenkrise vor einigen Jahren, ausgelöst durch Lehman Brothers & Co., deren hochspekulativen Geschäfte irgendwann einmal wie eine Seifeblase platzten. Die ganze Welt schlitterte in eine Rezension. Unmengen Geld wurde investiert, um den Banken zu helfen, die eigentlich das ganze Schlamassel verursacht hatten. Weltweit gingen tausende Arbeitsplätze verloren und unzählige Unternehmen gingen pleite. Jeder von uns musste Haare lassen, manche von uns sogar existenzgefährdend.
 
Wie war das noch in den Neunziger Jahren, Stichwort „Dot-Com Blase“?
„Das Internet ist DER Marktplatz der Zukunft!“, hieß es an jeder Hausecke. Plötzlich bestand der halbe Planet nur noch aus Internetspezialisten und virtuellen Unternehmern. An den Börsenplätzen der Welt hat man spekuliert, dass einem ganz angst und bange wurde. Beinahe jedes Unternehmen, das irgendwo in seinem Businessplan das Wort „Internet“ stehen hatte und dessen Geschäftsidee nicht völlig hirnrissig war, bekam von den Banken das Geld so dermaßen reingeschoben, dass die Pobacken weh taten.
Die Banken brachten unzählige Fonds auf den Markt und versprachen die abenteuerlichsten Renditen, denn „Das Internet ist DER Marktplatz der Zukunft!“. Diejenigen unter den Anlegern, die rechtzeitig wieder verkauften, verdienten auch richtig gutes Geld. Die restlichen gefühlten 97% verloren das gesamte investierte Kapital und sogar noch mehr, denn nicht wenige Bankberater empfahlen ihren Kunden, Kredite aufzunehmen und mit diesem Geld zu investieren (!), denn „Das Internet ist DER …“. Nur ein Fisch vermag heutzutage angesichts dieser Dinge nicht mit den Augen zu rollen, nicht wahr?
Auch hier rutschte der beinahe gesamte Weltmarkt in eine tiefe Depression, denn ab dem Moment, wo erkannt wurde, dass die meisten Internet-Firmen außer einer guten Geschäftsidee, Jugend und Elan nichts hatten, geschweige denn erwirtschafteten, zogen sich die Banken schließlich doch zurück. Und sobald der Geldfluss weg war, gingen diese Firmen pleite.
 
1929 gab es die erste weltweite Weltwirtschaftskrise. Bekannt unter dem Namen „Große Depression“ waren es auch diesmal wieder ungezügelte Spekulationen großer Geldhäuser, die letztlich zu einem gewaltigen Börsencrash führten. Die Folge war ein volkswirtschaftlicher Zusammenbruch gigantischen Ausmaßes. In allen Industrienationen kam es zu massiver Arbeitslosigkeit und Deflation, an der unzählige Familien zu leiden hatten.
 
Die Frage an dieser Stelle ist: „Warum machen Banken das?“
Damit meine ich jetzt nicht, dass sie Weltwirtschaftskrisen auslösen, sondern was ist der Grund für solche hochspekulativen Geschäfte, die ein gewaltiges Risikopotential in sich bergen? Es ist klar, dass Bankenmanager keine gehirnamputierten Affen sind, die einfach mal irgendetwas machen. Dahinter steckt natürlich System und ein gewisser Antrieb.
Um diese Frage beantworten zu können, muss man verstehen, wie die Wirtschaft überhaupt „funktioniert“.
Der normal getaktete Mensch nimmt an, dass der Motor der Wirtschaft die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ist. Diese Überlegung macht ja auch Sinn, würde ich mal behaupten. Einfach mal naiv in den Tag hinein geträumt, geht man davon aus, dass der Gewinn das Ziel ist, dass einem jeden Unternehmer die Mundwinkel nach oben reißt.
Doch wie so oft ist die Sache anders gelagert, als sie am ersten Blick erscheint. Die Wirtschaft heute wird von ganz anderen Antrieben gesteuert. Wir sprechen hier von den Kennzahlen. 
Bleiben wir bei den Banken.
Eine Bank ist eine Aktiengesellschaft. Das bedeutet, dass ihr Erfolg den Wert des Unternehmens erhöht und diese Wertsteigerung schlägt sich positiv im Aktienkurs nieder. Die Anleger haben daher großes Interesse daran, dass der Aktienkurs steigt, denn dafür gibt es Dividenden, bzw. Gewinne, wenn die Aktien wieder verhökert werden.
Jetzt ist der Gewinn zwar eine schöne Sache, aber der Wert eines Unternehmens kann nur in Vergleichszahlen gemessen werden. Und genau diese Vergleichszahlen pervertieren unser gesamtes Wirtschaftssystem. 
Neulich hörte ich im Radio, dass die Commerzbank in 2011 ein schlechtes Geschäftsjahr hatte. Der Gewinn brach nämlich im Vergleich zum Vorjahr um ca. 50% ein. Er betrug im Jahr 2011 nur etwas über 600 Millionen Euro. 
„Oh mein Gott!“, dachte ich, „nur über 600 Millionen Euro? Wie sollen die dann die Prämien für ihre Manager zahlen können?“
Um es ein wenig sacken zu lassen: Da macht ein Unternehmen den unfassbaren GEWINN von mehr als einer halben Milliarden und jammert dann allen die Ohren voll, wie unsagbar arm und am Arsch sie nicht sind?
O.k., was steckt also hinter der ganzen Jammerei? Der Gewinn als solches ist gar nichts wert. Es gibt beispielsweise verschiedene Retabilitätsberechnungen, die den Erfolg eines Unternehmens beschreiben. Die Umsatzrentabilität beispielsweise, also das Verhältnis zwischen Umsatz und Gewinn. Wenn also viel Umsatz gemacht wird, aber dazu im Verhältnis der Gewinn zu klein ist, dann ist schon mal Polen offen. Oder die Rentabilität des Eigenkapitals, also die Verzinsung des eingesetztes Kapitals. Dann gibt es noch den „Return of Investment“ (ROI). Hier wird wiederum der Gewinn zum eingesetzten Kapital gemessen. Das Ganze ließe sich jetzt unendlich lang fortsetzen, denn auch hier ist der Fantasie der Menschen keine Grenze gesetzt.
 
Was hat das jetzt alles mit den Spekulationsgeschäften zu tun?
Die Banken leben mit dem Druck, die Anleger bestmöglich zufrieden zu stellen und konzentrieren sich natürlich auf diese Verhältniszahlen. Diese müssen aber mit möglichst hohen Gewinnen gefüttert werden. Jetzt haben wir das Dilemma, dass ein hoher Gewinn nur mit dem entsprechenden Risiko zu erwirtschaften ist und schon sind wir bei der Antwort. 
Wir sind im Bereich der Glücksspiele, nicht immer, aber viel zu oft.
Am Beispiel der letzten Finanzkrise, ausgelöst in den USA: Hier waren es überbewertete Immobilien, die letztlich die Seifenblase zum Platzen brachte. 
Viele Leute in Amerika wollten ein Eigenheim, hatten aber zu wenig Eigenkapital. Dazu kam, dass die Finanzierungssumme den Wert des neuen Hauses überstieg.
Den Wahnsinn muss man mal sacken lassen:
Familie Mayer will sich ein Haus kaufen. Papa Mayer hat keine Kohle und Mama Mayer weiß nicht mal, wie man „Kohle“ schreibt. Dann haben sie das schmucke Häuschen am Bruchbudenweg 9 gesehen und das muss es jetzt sein.
Also, auf geht´s zur Bank. Kaufpreis ist eine Million, neues Haus ist aber nur 600.000 wert. Das weiss in diesem Moment noch niemand, denn die Bank gibt den Kredit, prüft aber nicht. Der Bank ist nur wichtig, möglichst viele Kredite abzuschließen, denn hier wird mal wieder irgendeine Kennzahl befriedigt. 
Wahrscheinlich die „Wird schon irgendwie klappen“-Kennzahl.
Gut, Papa Mayer geht die Kohle aus und Kreditrate kann nicht gezahlt werden. Bank kommt, nimmt Haus an sich und will es verkaufen, um das geliehene Geld wieder zu bekommen. Tja, hier hat die Bank einen Verlust von 400.000 gemacht. 
Und genau das dürfte im großen Stil passiert sein und so kamen die Banken ins Wanken. 
 
An diesem kleinen Beispiel sieht man, dass die Geldhäuser gar nicht anders können, als mit viel Risiko zu arbeiten. Grund sind die perversen Bewertungssysteme in unserer Wirtschaft.
 
Ob es davor Wirtschaftskrisen in solchen Dimensionen gab, ist nicht bekannt. Ich behaupte, dass die erste große wirtschaftliche Katastrophe einige tausend Jahre davor stattfand: nämlich als die Spanier in die Neue Welt aufbrachen und den Mayas und Inkas sämtliches Gold raubten. Dieser Akt der wirtschaftlichen Zerstörung ging natürlich ein wenig unter, denn vielmehr beschäftigte diese Völker der Genozid, der an ihnen betrieben wurde. So fair muss man an dieser Stelle sein: Diesmal waren nicht die Banken schuld.
 
Was kann man aber aus diesen Beispielen ableiten?
Einiges. Erstens steuern wir nicht das erste Mal auf eine Finanzkrise apokalyptischen Ausmaßes zu. Zweitens haben sich bei sämtlichen dieser wirtschaftlichen Katastrophen die Banken sehr darum gekümmert, ganz vorne mit dabei zu sein. Und drittens ist der Mensch scheinbar unbelehrbar. Es scheint, dass bei uns alles an Logik versagt, wenn es um Macht und Geld geht (wahrscheinlich kann man diese beiden Begriffe nicht mal trennen, da sie letztlich zu eng miteinander verwoben sind). 
Gehen wir nun dazu über, alles zusammenzufassen: Der Mensch ist zu blöd und zu gierig, um aus seinen Fehlern zu lernen.
 
Im nächsten Teil betrachten wir mal den Fall Griechenland etwas genauer. 😉

 

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Wie viel Gewalt braucht der Mensch? … Teil 1

 
Auch wenn es in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr so gerne gesehen ist, sind Emotionen wie Ärger und Zorn so fest mit dem Menschen verwurzelt wie beispielsweise ein Handy mit Paris Hilton. Eigentlich ist es politisch nicht korrekt, dass wir unserer Missstimmung Ausdruck verleihen, wenn uns etwas über die Leber gelaufen ist. Wir leben in einer Zeit, in der man sein Gegenüber nicht mit einem Wutanfall brüskieren darf, obwohl dieser einen kalt lächelnd öffentlich lächerlich machte.
„Toleranz“ lautet jener Begriff, der derzeit so chic ist.
 
Wir befinden uns in einer Welt, in der Toleranz beinahe schon perverse Formen annimmt.
Es gehört sich einfach nicht, dass man dem Stiefellecker im Büro sagt, was für ein erbärmlicher Wurm er ist, nur weil er zum wiederholten Male einem die Ideen geklaut und für die Seine ausgegeben hat. Man klärt die Schnecke im Gesangverein nicht darüber auf, dass man sie für eine frustrierte, nervende Zicke hält, nachdem diese mal wieder eine Grundsatzdiskussion über die richtige Atemtechnik während der Kaffeepause vom Zaun gebrochen hat.
Nein, Stiefellecker und Schnecke haben Narrenfreiheit und werden niemals erfahren, dass sie eigentlich zur Gattung der erbärmlichen Würmer oder Zicken gehören.
Wir üben uns nämlich in Toleranz.
Genau!
Wir sind allen und jedem gegenüber tolerant, es sei denn, meinungsbildende Mechanismen erklären uns das Gegenteil.
 
Beispiele gefällig?
Bis vor wenigen Jahrzehnten hat uns in Mitteleuropa der Islamismus nicht wirklich beschäftigt. Jetzt, nach 09/11, Osama bin Laden und Selbstmordattentäter wurden wir aufgeklärt, dass jeder Bartträger ein potentieller Dschihad-Anhänger sein könnte. Ganz gleich, ob er einen Kaftan trägt, ein buddhistischer Mönch ist oder in den Schweizer Alpen Käse herstellt.
Bart ist Bart.
Andererseits galt bis vor kurzem noch eine Tätowierung als das Sinnbild der gesellschaftlichen Ausgrenzung. In Europa herrschte die Meinung vor, dass tätowierte Menschen entweder ehemals Häftlinge waren, oder Häftlinge, die gerade ausgebrochen sind, oder Schwerverbrecher die Häftlinge waren, oder Seefahrer, die deswegen jetzt zur See fahren, weil sie mal im Gefängnis waren (also Häftlinge) und keine andere Arbeit mehr bekommen. Andere Kulturen, wie die Maori oder manche afrikanischen Stämme, sehen das vielleicht nicht so eng. 
Jedenfalls tragen nach einer aktuellen Studie in Deutschland inzwischen rund 25 Prozent der Menschen bis 30 Jahre eine Tätowierung. Tendenz steigend. Ein Tattoo wird heute mehrheitlich als „Kunst am Körper“ gesehen, die man eher offen zeigt, als sie versteckt.
 
Einerseits dürfen wir also unseren Zorn oder Ärger über jemanden nicht nach außen tragen, weil es politisch unkorrekt ist und gesellschaftlich verpönt. Andererseits bedeutet das nicht gleichzeitig, dass wir diese Emotion nicht mehr verspüren. Im Gegenteil, behaupte ich mal. Nur versuchen wir sie zu unterdrücken, lächeln der giftspeienden Schlange im Büro zu, obwohl wir genau wissen, welchen Unsinn sie verzapft. Auf der anderen Seite machen wir unserem Ärger Luft, indem wir hinter dem Rücken der Schlange über sie schimpfen. Wir gehen heute Konfrontationen mehr und mehr aus dem Weg. Stattdessen schmieden wir Allianzen, um den Gegner in die Schranken zu weisen.
Übrig bleibt ein negatives Gefühl, denn Wut lässt sich nicht so leicht unterdrücken.
Klar, ich finde es gut, dass man nicht bei der kleinsten Kleinigkeit sein Gegenüber anschreit, dass es ihm die Haare vom Kopf zieht. Auch begrüsse ich die Entwicklung, dass man im Falle eines Disputs diesen nicht mehr möglichst akkurat damit beendet, indem man seinen Kontrahenten mit einer Keule eine detailgetreue Nachbildung des Grand Canyon in den Schädel rammt. Ein solches Vorgehen möge in der Steinzeit akzeptiert worden sein und vielleicht noch im frühen Mittelalter maximal für ein leichtes Kopfschütteln gesorgt haben; in unserer heutigen Zeit muss man sich einfach ein wenig im Griff haben.

 

Apropos Steinzeit: Die Ursache für Emotionen wie Ärger und Zorn (und natürlich deren entsprechenden Abstufungen Wut, Verstimmtheit etc.) liegt mal wieder in der Steinzeit.
Damals war es so, dass Ngg, unser Steinzeitmensch, ein paar Eigenschaften dringend benötigte, um überhaupt überleben zu können. Man muss sich vorstellen, dass der frühe Mensch im Vergleich zum Rest der Lebewesen auf diesem Planeten so ziemlich die Arschkarte gezogen hatte: Der Steinzeitmensch war langsam, relativ schwächlich, und da er auf zwei Beinen lief, war es mit seinem Gleichgewicht nicht wirklich aufregend bestellt. Er  fror,  wenn es kalt war und schwitzte sofort, sobald die Sonne nur daran dachte, am Horizont zu erscheinen. Auch seine Zähne sorgten bestenfalls nur für Erheiterung.
Kurz gesprochen, Ngg war ein totaler Waschlappen, der maximal der damaligen Steppenmaus gefährlich werden konnte. Ihm gegenüber standen Kaliber wie Säbelzahntiger, Mammut, die frühe Form der heutigen Bären oder das Krokodil. Sollte er mal Lust verspürt haben, ins Wasser zu gehen, dann konnte er dem urzeitlichen Hai winken, der zu dieser Zeit auch nicht viel freundlicher als heute war, und noch weniger war er Vegetarier.
 
Der einzige Grund, warum der Mensch nicht sofort wieder ausstarb, befindet sich ganz oben und heißt „Gehirn“. Eben dieses Gehirn hatte sehr schnell erkannt, dass Ngg in dieser Welt keinen Meter Raum gewinnt, wenn es nicht schnell etwas dagegen unternimmt. So geschah es, dass sich die Urform der Emotionen entwickelten. Im limbischen System des Gehirns entstand etwas, das man als „Überlebensstrategie“ bezeichnen kann. Diese sorgte (und das tut sie auch heute noch) für die wichtigsten Verhaltensweisen des Menschen.
Nämlich Verstecken, Flüchten und Angreifen.
In dieser Reihenfolge.
Mit „Verstecken“ ist eher eine Art „Erstarren“ gemeint, also ein plötzliches Innehalten im Moment der (vermuteten) Gefahr. Die Strategie des Gehirns dabei ist, dass wenn ich mich nicht mehr bewege, glaubt der Feind, ich wäre nicht da. Gut, kann klappen, muss aber nicht. Darüber könnte man jetzt uferlos diskutieren, klar. Unserem Denkorgan ist halt nichts Dümmeres eingefallen.
Wir kennen dieses Verhalten übrigens auch.
Jedes Mal, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, wenn sozusagen „Gefahr“ droht, verharren wir einen Moment lang. Wenn uns beispielsweise unser Chef damit konfrontiert, dass wir Bockmist gebaut haben, halten wir innerlich die Luft an und rühren uns nicht. Das kann jetzt eine Sekunde lang dauern oder bei manchen den gesamten restlichen Arbeitstag. Die Reaktion selbst wird vom limbischen System gesteuert und kann nur sehr schwer bis gar nicht kontrolliert werden.
Fairerweise muss an dieser Stelle gesagt werden, dass diese Entwicklung nicht nur dem Menschen vorbehalten blieb: So ziemlich jedes andere Lebewesen verfügt über diese Überlebenstechniken, wobei ich gerne mal einen Grizzlybären in Schockstarre sehen würde. Sieht sicher witzig aus. Aber andererseits: Vor was sollte der sich fürchten? In Kanadas Wäldern. Vor einem Fuchs? Oder einem Maulwurf, der urplötzlich aus der Erde schiesst und unseren Bären zu Tode erschreckt?
 
Doch gehen wir wieder zurück in die Steinzeit.
Ngg wusste zwar, dass es für ihn nun drei Möglichkeiten gab, er hatte aber keine Ahnung, was er wann machen sollte. Wieder war das Gehirn aktiv und stattete ihn mit so etwas Praktischem wie den Emotionen aus. Idealerweise wurden sie vom bewussten Denken losgelöst, daher konnte Ngg und seine Jungs ab diesem Moment viel schneller auf etwas reagieren. Nun waren emotionale Ausdrücke wie Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung möglich.
Jetzt war klar, dass wenn man sich freute, musste man nicht sofort weglaufen und sollte man zornig werden, braucht man nicht automatisch in Schockstarre zu verfallen. Das Gehirn sorgte dafür, dass in der richtigen Situation die dafür passende Emotion abgerufen wurde, die letztlich zur korrekten Reaktion führte. Man kann also sagen, dass die netten Leute von der Evolution die Emotionen deswegen entwickelt haben, damit wir rasch auf entscheidende und lebenswichtige Ereignisse reagieren können.
Ziemlich zur gleichen Zeit erfand das fleißige Gehirn zwei Spielgefährten für die Emotionen: Die Mimik und die Körpersprache.
Ui, da war die Freude groß, als die Emotion das erste Mal auf ihre neuen Freunde stieß! Jetzt konnte Ngg endlich zeigen, was an Gefühlen auf ihn einschwappte. Da riss er dann die Augen auf, wenn ein Säbelzahntiger vor ihm stand, da fuchtelte er mit den Händen wild herum, wenn die total scharfe Maus von Höhle 4 mit dem knappen Wüstenspringmaus-BH an ihm vorbei stolzierte! Auf der Jagd konnte er unter verächtlichem Knurren und Grunzen seinem total bekloppten Bruder mit gerunzelter Stirn und Kopfschütteln zu verstehen geben, dass Bäume nicht ausweichen, auch wenn man noch so oft dagegen läuft.
Jeder in der Gruppe verstand die Sprache des Körpers und Grunzlaute waren nur mehr Beiwerk.

 

Diese Entwicklung war so sagenhaft erfolgreich, dass die heutigen Menschen nach genau dem gleichen Schema vorgehen, wie seinerzeit Ngg und die anderen Steinzeitmenschen aus dem Neandertal.
Der frühe Mensch brauchte also die nonverbale Kommunikation, um sich Gleichgesinnten gegenüber verständlich zu machen. Und die Emotionen versorgten seinen Körper blitzartig mit notwendigen Ressourcen, um möglichst schnell reagieren zu können. Das ist der Grund, weshalb wir bei Gefahr automatisch den Körper schützen oder zurückweichen: Im Zweifel flüchten wir und wir bedecken unsere lebenswichtigen Organe.
Stellen wir uns vor, was passiert, wenn wir plötzlich Angst verspüren. Das Herz beginnt, schneller zu schlagen, Schweiß bricht aus.
Der Körper bereitet sich darauf vor, zu flüchten. Dafür wird Blut in die Beine gepumpt, deswegen die erhöhte Herzaktivität. Manche kotzen sich auch an. Ein gutes Beispiel dafür ist Stan Marsh aus „Southpark“. Er kotzt immer Wendy an, wenn er sie sieht. Klar, er ist in sie verknallt und hat Angst, sie könnte ihn zurückweisen. Wenn also du, lieber Leser, dazu neigst, andere anzukotzen, dann weisst du jetzt, dass du damit nicht alleine bist. Es gibt zumindest eine Zeichentrickfigur, die dieses Schicksal mit dir teilt. Ob diese Erkenntnis beruhigend ist, ist natürlich eine andere Frage.
Jedenfalls kamen die Steinzeitmenschen mit ihrer Gestik, Mimik und den Emotionen wunderbar miteinander aus, bis … ja, bis irgendein Idiot auf die Idee kam, die Sprache zu erfinden.
Keine Ahnung, wie so etwas passieren konnte, jedenfalls fing irgendwann jemand damit an, mit Grunz- und Knurrlauten zu experimentieren und formte so die Sprache.
Wenn bis jetzt alles reibungslos geklappt hatte, erklärte Ngg plötzlich allen, dass er sich für die hammerscharfe Schnitte da neben dem Mammut gar nicht interessiere, obwohl sein Kopf rot anlief, wenn sie ihn ansah und sein Ständer unterm Waschbärfell eine ganz andere Sprache sprach. Seine Kumpels kannten sich jetzt gar nicht mehr aus: Obwohl sein Körper den Olymp der Geilheit erklommen hatte, drückten seine Worte etwas völlig anderes aus. Alle waren irritiert, ausser Ngg, der spitz wie Nachbars Lumpi war, und sein Bruder, der bekloppterweise gegen einen Baum lief.
Als dann irgendein anderer Verrückter auch noch die Schrift erfand, war es ganz aus mit dem gegenseitigen Verständnis. Jetzt schrieb man was anderes, was man eigentlich sagen wollte und der Körper selbst ging überhaupt ganz eigene Wege.

 

Nichts passte mehr zusammen.

 

Das ist ungefähr jener Zustand, in dem wir uns heute befinden: Während unser Körper uns ständig vor Bedrohungen warnt, die es gar nicht mehr gibt (die Wissenschaft geht beispielsweise davon aus, dass die weit verbreitete Angst vor Spinnen oder Schlangen, Relikte aus der Steinzeit sind, wo diese Tiere tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr für den Menschen darstellten. Man denke hier nur daran, dass die Menschen in den Höhlen oftmals die Gesellschaft mit jenen Tieren teilten, vor denen wir uns heute noch fürchten), verbreitet unser Mund Lügen, die der eigene Körper wiederum als solche entlarvt. Ein gewaltiges Durcheinander also.

 

Nachdem wir uns diesmal mit der Ursache der Emotionen befasst haben, gehen wir das nächste Mal der Frage auf den Grund, welche Formen von Ärger und Zorn es gibt, und wie wir damit umgehen können.
 
Zum Abschluss dieser Folge habe ich ein interessantes Zitat gefunden:
„Gegen andere gerichtete bösartige Handlungen sind fester Bestandteil fast aller Kulturen“
Samuel Bowles, US-Verhaltensforscher
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Warum ist Sex keine Zahl? … Teil 5

 
Nachdem wir im Teil 4 der Reihe „Warum ist Sex keine Zahl?“ über die männlichen Anmach-Archetypen, die AA, plauderten, beschäftigen wir uns heute mit dem weiblichen Pendant, den sogenannten „Anmach-Reaktions-Archetypen“, die ARA.
In der letzten Folge unserer Serie analysierten wir das typische Balzverhalten eines normal konditionierten Mannes. Also jener Typus, der in seiner Jugend nicht übertrieben sadistisch von älteren Brüdern, Mitschülern, Lehrern und Eltern drangsaliert wurde und sich halbwegs passabel entwickeln konnte. Sprich, solche Männer, die ohne chronische Sehnenscheiden-Entzündung ihre eigene Sexualität entdecken und diese bis nach der Pubertät soweit brauchbar ausgebaut haben. Den ganzen Rest, der wegen irgendwelcher Fehlsteuerungen im besten Falle Tics, und im schlechtesten einen mächtigen Dachschaden entwickelte, lassen wir hier außen vor.
 
Doch wie reagiert nun Frau auf das Werben des Mannes? Welche biochemischen Reaktionen laufen in ihrem Körper ab, wenn ein Typ vor ihr mit geblähtem Kamm herumläuft? Wie kann sie die innere Paarungsbereitschaft sozial verträglich und in gesellschaftlich akzeptabler Art und Weise im Zaum halten? Wie geht Frau dabei vor, wenn sie der balzenden Testosteron-Keule vor ihr auf subtile Weise mitzuteilen versucht, dass sie nicht vollends abgeneigt sei, ohne gleich als männermordende Nutte dazustehen?
 
Die Antwort auf diese Fragen sind viel komplexer, als man vielleicht zu hoffen wagt. Diejenigen unter uns Männern, die bereits Kontakt mit Frauen hatten, werden wissen, was ich meine. Und die weiblichen Leser meines Blogs sehe ich an dieser Stelle verständnisvoll mit dem Kopf nicken.
Die Frau ist vergleichbar mit einer hochkomplizierten Maschine. Einer, die sagen wir mal, aus unendlich vielen Knöpfen besteht und ständig undefinierbare Geräusche macht, während sie die Größe des gesamten Universums berechnet. Jetzt kann man natürlich nicht Frau mit einer Maschine vergleichen, denn die Dame von heute ist mit nur einer verschwindend geringen Anzahl von Knöpfen ausgestattet (wenn überhaupt) und im Gegenzug muss man als Mann schon extrem verzweifelt sein, wenn man einem Apparat den Hof macht, der die Größe des Universums ausrechnet.
Dennoch ist der Vergleich mit gewissen Einschränkungen zulässig. Beide sind fester Bestandteil unseres hübschen kleinen Planeten und in keinem der beiden Fälle ist man sich mehr sicher, wer sie eigentlich erschaffen hat und was letztlich der ursprüngliche Zweck der Entwicklung war. Eine Maschine zu erfinden, die sich der Errechnung der Größe eines Universums widmet, macht an sich wenig bis keinen Sinn. Mit der bloßen Zahl, wie hoch und breit so ein Universum ist, fängt keine Sau etwas an. Demzufolge muss sich irgendwer Gedanken dazu gemacht haben, was man mit dieser Information Tolles anstellt. Wie es oft so ist, ging gerade dieser Teil der Grundidee im Laufe der Konstruktionsphase verloren und raus kam ein Gerät, dass unheimlich lustige Dinge vollbringt, aber niemand weiß so wirklich, wozu das Ganze dienen soll.
Bei Frauen ist es ähnlich, aber ein wenig anders: Sie haben sich – vergleichbar zum Mann – zu vernunftbegabten Wesen entwickelt. Obwohl anatomisch relativ identisch, hat sich die die Art und Weise WIE beide Entitäten die Welt um sich herum wahrnehmen, völlig unterschiedlich ausgeprägt. Während beispielsweise Frauen bereits bei der kleinsten Kleinigkeit vor dem TV-Gerät zu heulen beginnen, und sei es, weil die arme Lassie kein Wasser im Napf hat, lässt Männer so etwas komplett kalt. Gefühlsdusselig wird Mann wiederum bei Dingen wie einer Sportschaltung, optischen Kabelanschlüssen oder einem kühlen Bier vom Fass.
Letzten Endes kann man sich getrost darauf einigen, dass keine Frau die Größe unseres Universums ausrechnen wird und unsere Maschine niemals wegen Lassie zu heulen beginnt.
Was hat das nun alles mit dem Vorgehen der Männer wenn sie anbaggern und die Reaktion der Frau darauf zu tun?
Eine ganze Menge, denn auf Sie wirkt Er mit hoher Wahrscheinlichkeit wie unsere Maschine mit den undefinierbaren Geräuschen, während gleichzeitig der Mann oftmals das Gefühl nicht los wird, er würde sich mit Lassie unterhalten, die unter Dehydration leidet.
 
Wie verhält sich nun Frau, wenn sie umworben wird?
Hier wird zwischen vier verschiedenen ARAs unterschieden:
Da wären zunächst „die Erhabene“, „das Haus der Hoffnung“, „dein Haus/deine Jacht/dein Sportwagen“ und zu guter Letzt „der Blick des Todes“.
Ähnlich wie beim Mann sind diese Grundtypen in jeder Frau vorhanden und je nach Typus gibt es unterschiedlich starke Ausprägungen.
Sobald ein werbendes Männchen identifiziert wurde, übernimmt reflexartig eines der ARA Besitz von der Frau und zieht sich erst zurück, wenn die ganze Show vorüber ist.
 
Die Erhabene:
Bei diesem Typus Frau übernimmt im Falle eines Anmach-Versuches eine Art „Königsvirus“ die Kontrolle über ihren Körper und ihr Denken. Ganz gleich, ob es sich beim Mann um einen völlig identischen Klon von Johnny Depp handelt oder ob er ein Schmierlappen allerhöchster Güteklasse ist: Sie wird ihr Haupt gen Himmel recken, die Augenlider auf Halbmast senken und ihrem Gegenüber das Gefühl geben, als ob allein seine Anwesenheit einem Kapitalverbrechen gleichkommt. Die Erhabene ist vom Verhalten her nicht unähnlich dem ARA „der Blick des Todes“, nur fehlt hier der Erhabenen  der Tötungswille in ihrem Gesichtsausdruck.
Sollte der männliche Eindringling in ihre Welt nicht innerhalb weniger Nanosekunden kapiert haben, was Sache ist, wird die Erhabene damit beginnen, gelangweilt an ihrem Glas zu nippen. Sie wird den kleinen Finger wegstrecken, sich endgültig versteifen und mit verachtend nasaler Stimme mit ihrer Freundin über den Typen reden, als ob dieser schon vor Stunden gegangen wäre. Sollte der Mann zu der hartnäckigen – oder begriffsstutzigen, kommt darauf an, wie man es betrachten will – Sorte gehören und ihr einen Drink spendieren, dann wird sie dies mit einem abschätzigen Augenrollen quittieren und ihre Freundin fragen, ob diese denn einen solchen Müll trinken würde. Dabei ist es egal, ob es sich bei diesem „Müll“ um eine Dose Heineken handelt oder um einen Champagner der Marke Dom Pérignon, der von Gott persönlich gekeltert wurde: Das Königsvirus macht keine Unterschiede.
Interessanterweise ist es auch völlig unerheblich, ob es sich bei der Erhabenen um eine Sexgöttin handelt oder um eine übel zusammengewürfelte Laune der Natur, die seit unzähligen Monden auf einen Partner wartet. Dieser Archetypus kann nicht anders reagieren, auch wenn sie es, kurz nachdem der Mann resignierend abgedampft ist, bitter bereut, diesen Traumprinzen nicht sofort auf die Toilette gezerrt zu haben.
 
Das Haus der Hoffnung:
Hier haben wir es mit dem genauen Gegenteil zu tun. Das Haus der Hoffnung entstammt in den meisten Fällen einem gut bürgerlichen Elternhaus, musste gegen unzählige Geschwister um die Gunst der Eltern kämpfen und hat vorzugsweise eine katholische Schulausbildung genossen. Sie ist nett, lächelt nahezu ständig und unterbricht das Dauergrinsen nur, wenn sie mal zu viel getrunken hat und gerade am kotzen ist. Das Haus der Hoffnung hat gelernt, höflich zu sein und ist dem fatalen Weltbild ausgeliefert, dass man nur etwas bekommt, wenn man vorgibt, alles klasse zu finden, was andere Leute machen.
Ihr hoffnungsvoller Verehrer kann ruhig so aussehen wie ein Stück Baumrinde. Es macht auch keinen Unterschied, ob er gekleidet ist wie ein Model oder ein gerade eben entdecktes Erdbebenopfer. Auch kann er einen Geruch verströmen, der jedes Stinktier schlagartig ins Koma versetzt: Das Haus der Hoffnung wird lächeln und höflich sein, auch wenn sie dabei vor Gestank und Ekel fast umkippt.
Bedeutet dies, dass Baumrinde bei ihr Erfolg haben wird? Nein, denn „lächeln“, „höflich und nett sein“ sind bei ihr nicht mehr als Techniken, die ihr Überleben inmitten der Menschen ermöglichen sollen. Sie wird ihrem Traummann genauso nett gegenüber treten wie einem Stück Humus, nur mit dem Unterschied, dass sie mit fruchtbarer Erde nicht in die Kiste steigt.
 
Dein Haus/deine Jacht/dein Sportwagen:
Eines hat dieser Typ Frau bereits in frühester Kindheit gelernt: Auch wenn man faul oder doof oder sogar beides ist, muss das Leben deshalb nicht automatisch ein Tal der Tränen sein. Dein Haus/deine Jacht/dein Sportwagen ist eine Meisterin darin, aus ihrem Körper und ihrem Gesicht das optimale Ergebnis herauszuholen. Hierbei ist es selbstverständlich, dass sie im Solarium schläft und im Fitnessstudio wohnt, wobei sie diese beiden Orte nur dann verlässt, wenn sie in diversen In-Lokalen Unterschlupf sucht. Glücklicherweise hat ihr die Natur so störende Attribute wie Liebe, Zuneigung oder Gefühle vorenthalten und sie dafür mit einem ordentlichen Batzen Durchtriebenheit, Berechnung und Egoismus ausgestattet. Ihr Weltbild ist recht simpel: „Wenn ich schon die Beine breit mache, dann kann ich das auch auf dem Rücksitz eines Ferrari!“
Dass Autos dieser italienischen Nobelmarke in den seltensten Fällen über Rücksitze verfügen, ist ein anderes Kapitel.
Ähnlich der Mimikry-Technik von manchen Tieren – also der Fähigkeit, ein anderes Tier so täuschend echt nachzuahmen, dass beim schnellen Hinsehen kein Unterschied zu erkennen ist – kann dieser Typ Frau durchaus Rollen wie „das schüchterne Mäuschen“, „die kindliche Unschuld“, „verliebte Maid“ oder auch „ich bin das, was du schon immer wolltest“ annehmen. Das Mimikry-Verhalten wird sie aber nur aktivieren, wenn sie ein passendes Opfer entdeckt hat und jetzt kommen wir zum wichtigsten Unterschied zwischen „dein Haus/deine Jacht/dein Sportwagen“ und den anderen ARA: Für den flüchtigen Blick eines Aussenstehenden wird es durchaus so wirken, als ob der pelztragende Gockel von Mann mit Gelfrisur, Schmalzlächeln und Foto-Serie seiner Jacht in der Brieftasche ein aufgetakeltes junges Ding abschleppt. In Wahrheit hatte sie bereits geraume Zeit zuvor wie eine Spinne ihr Netz ausgeworfen und Er ist es, der nun darin zappelt.
Dieser Typ Frau erkennt potentielle Financiers ihres Lebensstils bereits auf einige hundert Meter Entfernung. Jeder andere Mann, der nicht vermögend genug wirkt, hat bei ihr keine Chance. Wozu auch? Geld muss nicht nett sein, es muss auch nicht gut aussehen. Es muss nur ihretwegen ausgegeben werden. Das Dumme daran ist nur, dass „dein Haus/deine Jacht/dein Sportwagen“ regelmäßig auf ihr männliches Gegenstück, dem Alleskönner, reinfällt.
 
Der Blick des Todes:
Dieser Typ Frau sehnt sich danach, endlich einem Mann zu begegnen, dem sie sich hingeben kann, der sein Leben mit ihr teilt und mit dem sie endlich eine rundum perfekte Partnerschaft hat. Um dieses Ziel ihrer Träume zu erreichen, arbeitet sie hart an sich. Gleichzeitig quält sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Freundinnen und den Rest ihrer Umgebung. Hier sind es die immer wiederkehrenden Fragen, was sie denn falsch machen würde und weshalb kein Mann auf sie aufmerksam werde etc. etc. Natürlich versucht das Umfeld ihr zu helfen, weiß aber letztlich auch nicht weiter, da offensichtlich ist an ihr nichts auszusetzen ist.
Offensichtlich, ja.
Es gibt eine winzige Kleinigkeit, die alle übersehen, außer die Heerscharen von Männer, die den Versuch unternehmen, mit ihr in Kontakt zu treten: Man kann „den Blick des Todes“ durchaus mit ihrem männlichen Pendant vergleichen, nämlich „der stille Schweiger“.
Während der stille Schweiger den ganzen lieben langen Abend in seiner Stammkneipe vor seinem Bier sitzt wie eine Wasserleiche, verhält sich „der Blick des Todes“ genauso, nur mit einem wesentlichen Unterschied: Sobald ein Mann Gefallen an ihr findet und sie nur länger als einen Wimpernschlag lang betrachtet, setzt sie einen Blick auf, der sogar bei Dschingis Khan eine Angstneurose ausgelöst hätte. Dieser Typ Frau ist instinktiv so versessen darauf, nicht als Freiwild zu gelten, dass allein ihr Gesichtsausdruck jeden Mann in die Flucht schlägt.
Der Grund dafür liegt in ihrer Kindheit.
An irgendeinem Abend zwischen ihrem dritten und fünfzehnten Lebensjahr fühlte sich ihre Mutter dazu berufen, dem Kind zu erklären, wie man sich als Frau zu verhalten habe.
Dummerweise hatte ihre Mutter keine Ahnung, wie sich eine Frau am besten verhält, denn sie selbst wurde vom erstbesten Mann, den sie nach ihrem Vater sah, geschwängert und geheiratet. In dieser Reihenfolge. Also genau jene Person mit der garantiert geringsten Ahnung in Dingen des vorehelichen Geplänkels erklärt der künftigen „Blick des Todes“ wie das Leben so funktioniert. Es ist klar, dass so etwas in die Hose gehen muss.
Eine von Mamas Kernaussagen lautet ungefähr so: „Kind, du darfst es deinem Verehrer nicht zu leicht machen, denn sonst halten dich alle für ein leichtes Mädchen! Wenn der Mann dich richtig liebt, dann wird er auch wochenlang um dich werben. Halte Distanz, Kind. Halte um Gottes willen Distanz!“
Toll, dass sagt dann genau die Person, die, kaum vor die elterliche Haustüre getreten, schneller geschwängert wurde, als man „Verhütung“ sagen kann.
Das Kind hat den ganzen Mist natürlich geglaubt und wartet seither auf einen Idioten, der  ihr monatelang den Hof macht, bis ihr endlich mal zumindest die Gesichtszüge auftauen. Wenn „der Blick des Todes“ Glück hat, dann trifft sie auf einen pathologischen Stalker, wird seinem Drang sie zu verfolgen völlig falsch verstehen und sich ihm nach einiger Zeit an den Hals werfen.
 
Natürlich gibt es auch hier Mischformen, die mehrere dieser Muster verschieden stark ausgeprägt in sich vereinen. Dank eines genialen Schachzuges der Leute von der Evolution hat die Natur dafür gesorgt, dass Mann schrecklich oberflächlich auf weibliches Verhalten reagiert. Wäre das nicht der Fall, dann wäre der Mensch schon längst ausgestorben.
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Lucky for President?

 
Neulich hörte ich im Radiosender meines Vertrauens, dass Wissenschaftler feststellten, dass der Hund viel klüger sei, als bisher angenommen. Man habe nun herausgefunden, dass die Intelligenz bei Hunden der eines Kleinkindes ähnlich ist und die Wissenschaft frage sich jetzt, ob unser angeblich bester Freund sogar klüger sei als Primaten.
Der Radiosprecher war scheinbar mindestens ebenso angetan von dieser Nachricht wie ich, denn seine Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung. Dann kam auch  der Hundeflüsterer Martin Rütter zu Wort und bestätigte alles artig. Er fügte außerdem noch hinzu, dass Hunde erschreckend gute Beobachter sind, gab gutgelaunt einige Tipps preis und dann folgte die übliche dreiviertel Stunde Werbung.
Na, das war mal eine bahnbrechende Neuigkeit! Ich war völlig baff, vergaß fast mich aufs Autofahren zu konzentrieren und sah vor meinem geistigen Auge weltweite spontane Freudenfeiern unzähliger Hundebesitzer, die es ohnehin »eh schon immer wussten«.
Ich stellte mir vor, wie sich wildfremde Menschen in die Arme laufen, haltlos Tränen der Freude weinen, mit Sektgläsern in der einen Hand einander zuprosten, während in der anderen Hand Hasso, Bello & Co. an der Leine gehalten werden.
Der Hund, das intelligente Wesen.

Ich war mir völlig sicher, dass es demnächst eigene Hunde-Universitäten geben wird und klar ist auch, dass irgendein Taro von der Bärenmühle eines Tages Bundeskanzler wird. Warum nicht? Viel schlechter wird er das Land auch nicht führen.
Der Hund ist sogar klüger als der Affe. Das muss man sich erstmal vorstellen!
Der Affe galt bislang nach dem Menschen als das intelligenteste Lebewesen und sein Erbgut soll bis auf ein Prozent mit unserem identisch sein. Jetzt behauptet aber die Wissenschaft, dass der Hund intellektuell gesehen die ollen Affen ganz locker rechts überholt.
Bisher gerieten wir Menschen in ekstatische Verzückung, wenn es Schimpansen in Gefangenschaft gelang, Bauklötze durch die richtige Form zu schieben. Auch wenn beispielsweise der Kolkrabe mit einem Stöckchen im Schnabel in der Erde rumstochert, waren die Forscher ganz außer sich vor Freude.
Ja, manches Mal wünsche ich mir, dass es mehr Typen gäbe, die so leicht zu begeistern sind.
Es drängt sich natürlich die Frage auf, warum unsere geliebten Vierbeiner bis jetzt nirgendwo rumstocherten? Vielleicht war es ihnen einfach zu doof oder wir Menschen haben nicht deutlich genug hingesehen.
Alles egal, denn wenn man es genau betrachtet, haben uns die Hunde schon seit längerer Zeit jede Menge Hinweise gegeben, welche Genies sie in Wahrheit sind.
Wer war bekanntlich das erste Lebewesen im Weltall?
Der Mensch?
Weit gefehlt! Es war auch nicht einer der Affen, die sich immer in den Vordergrund drängen, wenn es um Intelligenztests geht. Es war Laika, eine Hündin!
Gut, sie hat jetzt nicht unbedingt die Rakete selbst gebaut und ganz so freiwillig ist sie ihre Mission scheinbar auch nicht angetreten. Aber schließlich hätte sie ihren Weltraumausflug doch verweigern können. Einfach mal einen auf Spaßbremse machen. Mit einem Stöckchen im Maul »Njiet« in den Sand schreiben oder jemanden mit Bauklötzchen bewerfen. Hat sie nicht gemacht, deswegen schoss man sie ins All. Traurigerweise starb Laika kurz nach dem Start.

Jedenfalls wollte ich es genau wissen. Kurz, nachdem ich endlich zu Hause angekommen war, schnappte ich mir Lucky, unsere kleine Westhighland-Terrier-Hündin und erklärte ihr die ganze Angelegenheit in aller Ruhe.
Lucky hörte mir brav zu, neigte den Kopf mal nach links, mal nach rechts und sah mich dann ein wenig irritiert an, als ich ihr die Zahlen 0 bis 9 auf ein Blatt Papier malte. Schließlich sollen Hunde sogar einfache Rechenaufgaben lösen können und genau das sollte für Lucky ein Klacks sein.
Ich wollte sie nicht überfordern und fing mit Grundrechenarten an.  Bei »4 plus 8« tappte sie zwar nicht auf die eins und die zwei, begann jedoch, mich abzuschlecken. Nachdem ich sie ermahnte, etwas konzentrierter zu sein, lieferte mir Lucky sofort das richtige Ergebnis: Sie wedelte exakt 12 Mal und ein kurzes Bellen zeigte mir an, dass sie mit der Antwort fertig war.
Unglaublich, Lucky nannte mir nicht nur das genaue Resultat sie wählte sogar einen weit umständlicheren Weg als ein simples »mit der Pfote auf die Zahl«-Tappen!
Da ich sie nicht unnötig langweilen wollte, setzte ich meinen Test mit Wurzelziehen fort. Meine Idee bestand im Wesentlichen darin, sie langsam an die Integralrechnung heranzuführen, um unsere Hündin dann – ohne viel Hetze – an etwas komplexere Aufgaben ranzulassen. Zum Schluss sollte sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen, die Weltformel entdecken und den Nobelpreis gewinnen.
Nach mehrmaligen Versuchen mit der Berechnung von Potenzen in verschiedene Richtungen wurde ich ein klein wenig stutzig. Luckys Ergebnisse schwankten immer zwischen elf und zwölf wedelnden Antworten. Zwei Mal raste sie sogar an ihren Napf und schlug mit der Pfote dagegen. Als ich es mit simplen Winkelberechnungen versuchte, schnappte sie nach einer Fachzeitschrift für Unterwassersport, die in der Nähe rumlag.
Zugegebenermaßen war ich etwas ratlos.
Ich vermutete, dass Hunde wahrscheinlich über sehr komplexe kommunikative Fähigkeiten verfügen. Plötzlich schoss mir durch den Kopf, dass wir Menschen womöglich noch nicht in der Lage waren, die vielschichtige Sprache dieser Tiere zu deuten! Eine Ausdrucksweise, die scheinbar aus Klopf-, Bell- und Schnapplauten in Verbindung mit hochkomplexen Wedelbewegungen bestand. Der Hund ist vielleicht das sprachlich hochbegabteste Lebewesen im gesamten Universum und wir sind doof genug, es nicht zu bemerken!
Irgendwann wurde es Lucky zu viel und sie legte sich schlafen.
An diesem Abend recherchierte ich im Internet und fand heraus, dass es verschiedene Definitionen von Intelligenz gibt. Bei Hunden spricht man von der Fähigkeit, das individuelle Verhalten aufgrund von Erfahrungen anzupassen. Die Intelligenz von Hunden setze sich aus drei Teilen zusammen: – Instinkt, – adaptive Intelligenz (Wauwau lernt von der Umwelt) – und Gehorsam (eine Art schulisches Lernen). Unsere Vierbeiner sollen in der Lage sein, neben den Rechenaufgaben, auch bis zu 250 Wörter unterscheiden zu können (wobei der Durchschnitt bei 150 Wörtern liegt), über ein arithmetisches Grundverständnis verfügen und auch Planungsfähigkeit besitzen.
Die Leute vom Internet versicherten mir, dass mit »Planungsfähigkeit« nicht gemeint ist, dass Lucky demnächst den Wormser Dom nachbaut, sondern etwas anderes darunter verstanden wird. Hunde nehmen sehr wohl die kürzesten Wege, um an eine Belohnung zu gelangen und diese Verhaltensweisen lassen eindeutig auf Planungsfähigkeit schließen.
Um den Wormser Dom zu bauen, braucht es zusätzlich gestalterische Fähigkeiten, und dazu konnte ich nichts finden. Auch die Sache mit dem kürzesten Weg zur Belohnung betrachte ich etwas kritisch, denn Lucky findet nicht immer den schnellsten Weg zum angebotenen Leckerli, wobei es ab und an sogar vorkommt, dass sie ihre Belohnung nur dann entdeckt, wenn sie über diese stolpert. Gut, angeblich soll die Nase des Hundes nicht ständig im Einsatz sein. Habe ich vor längerer Zeit mal gelesen. Bei Lucky dürfte sich die Nase scheinbar in einer Art Dauerstreik befinden.
Auch scheinen Bello, Fiffi und Kollegen über eine einfache Art Ich-Bewusstsein zu verfügen. Sie können andere Individuen täuschen, was voraussetzt, dass sie den Unterschied zwischen sich und der Umwelt wahrnehmen. Sollte das wirklich der Fall sein, dann ist eine der ältesten Fragen der Hundebesitzer wohl gelöst: Ja, dein Hund verarscht dich, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt!
Bislang haben sich die Hundehalter dieser Welt immer damit getröstet, dass Wuffi einfach nicht wisse, dass man nicht in die Ecke kacken darf und der Tante Gerti nicht ständig das Schienbein begatten soll. Klar weiß Wuffi das, nur hat er keinen Bock darauf, sich daran zu halten!

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Wissenschaft davon ausgeht, dass sich Hunde auf dem Niveau eines zweieinhalbjährigen Kindes befinden.
Ein faszinierendes Ergebnis, denn mir war bisher nicht bewusst, dass Kleinkinder Integral-Rechnungen durchführen können.

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Dschungelcamp und andere Peinlichkeiten

 
Dschungelcamp ist peinlich; Big Brother ist es auch. Darin sind sich gefühlte zwei Drittel der Deutschen einig. Ähnlich verhält es sich mit DSDS, X-Faktor und Popstars. Nur ist dort nicht die Show selbst peinlich, sondern die Teilnehmer sind es … jedenfalls so lange, bis die Überlebenden der Vorrunden die Liveshows erreichen.
 
Interessant ist, dass offenbar niemand diese Shows im TV verfolgt. Beinahe jedes Mal wenn ich danach frage, bekomme ich als Antwort: „Nee, das gucke ich nicht!“ Gleichzeitig werde ich restlos aufgeklärt, was bei der letzten Folge Spannendes passierte und wer was sagte, aß und tat. Das kennen wir von der „BILD“: Keiner liest sie und scheinbar kauft ein Wohltäter täglich zwei Millionen Exemplare, die er dann im Keller hortet … 
 
Was ist nun dran an diesen TV-Formaten, auch „Reality-TV“ genannt? Warum verdienen die Sender so viel Kohle damit, dass sie gar nicht mehr aufhören wollen, uns mit immer neuen Versionen das Hirn vollzustopfen?
Hier sollten wir drei Gruppen unterscheiden:
Jene Art von Shows, in denen ehemalige Promis ums Überleben – welcher Art das auch immer ist – kämpfen (das Dschungelcamp z.B.).
Jene, in der eine schier unüberschaubare Zahl von Menschen unter einer missglückten Selbstwahrnehmung leidet (DSDS, X-Faktor, …).
Und schließlich solche, in der eine überschaubare Zahl von Personen nichts vorzuweisen braucht, außer viel Zeit und keinen Job (Big Brother).
 
Der Zuseher reagiert immer gleich: Jedes Mal aufs Neue starrt er in das TV-Gerät und beobachtet gespannt, wie sich unterschiedliche Menschen innerhalb der Gruppe verhalten. Was sie sagen, was sie tun, was sie kochen, wie sie sich streiten und wieder versöhnen, nur um gleich darauf erneut rumzuzoffen.
So gesehen könnte ich mich auch vor ein beliebiges Jobcenter der Agentur für Arbeit stellen und dort alle angaffen. Ist genauso spannend, oder?
Nein, ist es nicht, sonst würden endlich mal viele Menschen die armen Arbeitssuchenden motivieren und Menschentrauben vor den Jobcentern würden Izmir, Gülem und Adelheid mal so richtig dabei anfeuern, bei dem was die gerade so tun.
 
Bei DSDS & Co. verstehe ich die Motivation der Zuseher ja noch. Man freut sich einfach, dass sich andere mal so richtig blamieren. Auf der Couch sitzend dabei zu sein, wenn jemand glaubt, er könne singen, und sobald er den Mund aufmacht, fallen sämtliche Vögel vom Himmel, hat etwas Befreiendes. Dann weiß man, dass man nicht alleine ist auf der Welt mit seinen Unzulänglichkeiten. 
Wer will etwa abstreiten, dass es einem nicht jedes Mal eine diebische Freude bereitet, wenn bei DSDS irgendein Spacko vor die Kamera tritt und in einem Deutsch, dass nicht mal die Neandertaler sprachen, vollmundig erklärt, dass er der nächste Superstar ist. Sobald die Linse der Kamera den Spacko erfasst und scharf gestellt hat, wissen wir, dass der Typ ein Loser ist und restlos talentbefreit. 
Interessant, nicht wahr?
Der Mensch hat hier überaus präzise Instinkte, wenn sich um Außenstehende handelt.
Die Präsentation des nächsten Kandidaten startet, wir sehen den Typen (ganz gleich, ob männlich oder weiblich) knappe drei Nanosekunden und unser Gehirn öffnet bereits ganz lässig die Schublade „Vollpfosten“. 
So nebenbei erwähnt fasziniert es mich jedes Mal erneut, dass alle diese besagten hoffnungsvollen Bohlen-Opfer immer mit zusammengewachsenen Zähnen zu reden scheinen. Die kriegen einfach den Mund nicht auf, wobei man zusätzlich das Gefühl nicht los wird, dass die noch die Tampons vom letzten Zahnarztbesuch vor acht Jahren in den Backen stecken haben!
Wie die Geschichte dann ausgeht, kennt man ja: Bohlen-Opfer betritt den Raum, Jury kichert schon bösartig, Opfer kriegt den Mund natürlich wieder nicht auf, beginnt zu krächzen, verschluckt sich, krächzt noch schlimmer und wird rausgeworfen.
 
Das zu sehen bereitet dem Zuseher unsagbare Freude. So eine Szene schüttet so dermaßen viele Endorphine, also Glückshormone, aus, dass man nächste Woche erneut gierig vor der Glotze hockt.
Der geneigte Leser möge sich an der Stelle denken, dass „der Mensch halt ein Voyeur ist“ und eben gerne Leute beobachtet.
Dieser Gedanke ist fatal, denn der Voyeur ist jemand, der aus Gründen der sexuellen Stimulanz andere ausspäht. Ich hoffe jetzt nicht, dass irgendjemand einer abgeht, wenn der Kevin mit den abstehenden Ohren und ebensolchen Augen, aus voller Inbrunst Whitney Houstons „How will I know“ brüllt. 
Mit Voyeurismus hat das nichts zu tun, wohl eher etwas mit Schadenfreude. 
Wem entlockt es nicht ein gehässiges Grinsen, wenn auf der Straße Frauchen über ihren bakteriengroßen Hund stolpert und sich dabei in der Leine verheddert? 
TV-Formate wie „Ups, die Pannenshow“ sind der beste Beweis für die Grausamkeit der Menschen.
Gutes Stichwort. Wenden wir uns mal jenen Prominenten zu, die aus lauter Verzweiflung beginnen, mit Kakerlaken zu spielen und ihr Gekochtes auch noch selbst zu essen. 
Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Eklige Aufgaben zu lösen oder eklige Aufgaben zu lösen und dabei zu tun, als wäre das Ganze ein riesen Spaß?
Bei der Reality-TV-Show „Dschungelcamp“ ist der Erfolg dadurch gegeben, dass der Zuseher Prominente darin beobachten kann, wie diese von Tag zu Tag mehr verfallen. Es ist weniger dieses „das sind auch nur Menschen wie du und ich“, sondern eher ein „bin ich froh, dass ICH nicht so tief gesunken bin“.
Der Promi genießt in der Gesellschaft einen besonderen Status, den ich an dieser Stelle „volatil“ nennen möchte. Ähnlich der Volatilität einer Aktie kann die Beliebtheit einer öffentlichen Person wie eines Schauspielers, Musikers oder eines ehemaligen Castingteilnehmers mit einem Wimpernschlag auf den nächsten, von „unendlich beliebt“ auf „miese Ratte“ wechseln. Dazu braucht es nicht viel. Ein falscher Blick oder ein unpassendes Wort genügt. Die meisten Menschen identifizieren sich mit prominenten Personen, denn wenn diese den Nimbus des Besonderen haben, dann hat es ein Lieschen Müller, die sich wie Paris Hilton kleidet, ebenfalls. Glaubt sie jedenfalls.
Promis sind Wesen aus einer anderen Welt. Sie sind schön, erfolgreich und souverän. Sie bleiben unter Ihresgleichen und stehen über den Dingen. So denken zumindest die meisten derjenigen, die nicht prominent sind. Im Dschungelcamp wiederum stellt sich nicht die Frage, ob man scheitert, sondern wann und mit welcher Härte. 
„Der Mensch wächst am Leid der Anderen“. Genau das ist das Geheimnis dieser Reality-Show.
Übrig bleibt jetzt noch Big Brother. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo hier die Faszination ist. Vielleicht liegt sie darin, dass wir bei diesem Format in einen Spiegel blicken: Ganz normale Menschen mit ihren ganz normalen Problemen Sie sehen morgens genauso mies aus wie man selbst und labern auch nicht viel klüger daher, wie der doofe Onkel Gustav. Es ist sozusagen das beruhigende Gefühl, dass das eigene Leben gar nicht so übel ist. So etwas setzt auch Glückshormone frei. Die Gewissheit, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die von der Schöpfung noch weniger beachtet wurden, als man selbst. Das beruhigt.
Ganz egal, wie der Zuseher gebacken ist: Die TV-Sender haben für jeden Topf den passenden Reality-TV-Deckel.
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