Sex und Macht

 
Ich frage mich wirklich, ob wir Menschen bei dieser ganzen wissenschaftlichen Forschung über unsere eigene Sexualität nicht den falschen Weg gegangen sind. Ich meine, vielleicht haben wir uns so sehr darauf konzentriert, die richtige Strasse zu finden, dass wir ganz übersehen haben, dass es keine Strasse ist, sondern ein Platz, in dem diese Strasse mündet und er das Ziel unserer Reise ist… oder so. 
Ich hatte mal etwas gelesen und zwar stand sinngemäß geschrieben: „Ein Mann denkt ungefähr alle 5 Sekunden an Sex… eine Frau ständig.“
Wir wollen uns hier nicht darum streiten, ob es fünf oder drei Sekunden sind, entscheidend ist die Tatsache, dass der vernunftbegabte Mensch scheinbar nicht anders kann, als ständig über die Fortpflanzung nachzudenken, besser ausgedrückt: Über das ganze Drumherum der Fortpflanzung. Tja, und der nicht vernunftbegabte Mensch tut sowieso nichts anderes.
Jetzt liegt der ganzen Sache natürlich nahe, dass man sich mit dem Sex selbst beschäftigt, wenn man zum Wesen der Sexualität und dessen Auslöser so seine Fragen hat.
Klar, liegt ja auf der Hand, denn wer vögelt, der hat Spaß, es entspannt, lässt den Körper auf Hochtouren arbeiten, man fühlt sich einfach gut und zwar vorher, währenddessen und anschließend auch und es hilft, Druck abzulassen. Was also ist nahe liegender, sich auf den Sex zu fokussieren, wenn man die Sexualität erforschen möchte?
 
Ein paar kleine Schönheitsfehler hat aber diese Vorgehensweise für mich. Ich frage mich immer häufiger, dass wenn Sex zu einem großen Teil dazu da ist, dass wir Spaß haben, Druck abbauen und uns die Seele aus dem Leib schwitzen, während wir dieselbige aus unserem Partner vögeln, und die Fortpflanzung nur noch ein Nebenprodukt des Ganzen ist und nicht der eigentliche Sinn…
Warum ist das dann nur bei uns so und vielleicht bei ein paar Affenarten wie die Bonobos, aber sonst nirgendwo im Tierreich zu finden? O.k., ich habe jetzt nicht alle Tierarten persönlich danach befragt, aber soweit mir bekannt ist, findet die Paarung bei allen Tieren – die Bonobos lassen wir jetzt mal außen vor – rein zum Zwecke der Fortpflanzung statt. Zumindest habe ich noch kein Eichhörnchen in Lack und Leder gesehen oder einen Pudel dabei beobachtet, wie der die Batterien vom Vibrator wechselt.
Der Mensch in seiner heutigen Form ist ja das Produkt seiner Entwicklung. „Evolution“ nannte es Herr Darwin damals und auch heute noch sind wir überzeugt, dass wir uns nach und nach vom Lurch über den Affen zum Menschen entwickelt haben. Wenn dem so ist, wann hat die Evolution damit begonnen uns weiszumachen, dass Sex sich nicht nur auf ein stupides Herumhoppeln mit dem krampfhaften Ziel, Nachkommen zu erzeugen, beschränken muss? 
Irgendwann muss die Evolution zu einem ja gemeint haben: „Hey, jetzt lass dir doch mal Zeit und nimm dir die Kleine mal von der anderen Seite vor. Yeah, gut so… und jetzt zeig ihr, was man mit deinem Ding sonst noch so anstellen kann. O.k., die Kleine hat Talent…. Weißt du was? Vergiss das mit den Nachkommen, ab jetzt fickst du einfach nur so zum Spaß, verstanden?“
Wir, die Frühmenschen haben dann scheinbar eifrig genickt und brav das verfolgt, was uns der Herr von der Evolution aufgetragen hat. Und das, während die anderen Viecher um uns herum dabei zugesehen haben und keiner von denen auf die Idee kam, auch einfach mal drauf loszuvögeln und es mal so richtig rauchen zu lassen?
Mir kommt das irgendwie komisch vor, wenn ich ehrlich bin.
Gut, andererseits kann es ja auch so gewesen sein. 
Dann verstehe ich aber einen anderen Aspekt nicht so wirklich: Ich frage mich, warum die meisten Serienmörder aus einem sexuellen Aspekt heraus morden. Warum werden Menschen vergewaltigt und weshalb passieren ein Grossteil von Tötungen aus einem sexuellen Antrieb heraus?
Wenn Sex sich vom gewöhnlichen Paarungsakt zu etwas entwickelt hat, dass dem Stressabbau dient, das Endorphine freisetzen soll, dann pervertiert es sich gleichzeitig so dermaßen, dass es Menschen zu Serienmördern machen kann oder sie zu völlig absurden Handlungen führt in dessen Verlauf sie sich verletzen oder sogar verstümmeln?
Ich denke, dass wir bis dato einen entscheidenden Faktor übersehen haben und dieses „Missing Link“ ist in meinen Augen der Faktor „Macht“.
 
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der Wunsch nach Stressabbau, nach Abwechslung und Befriedigung unser Hirn so dermaßen zu pervertieren imstande ist, dass er Menschen zu Sklaven ihrer eigenen Triebe macht und sie zu Mördern werden lässt. Mehr noch, diese Menschen zu abscheulichen Taten hinreißen lässt, die ihre Opfer foltern, verstümmeln, sie zu blutrünstigen, sadistischen Zombies werden lässt, fern von jeglicher Form von Moral und Menschlichkeit.
Mir fehlt hier etwas und ich denke, dass die Evolution uns mit etwas anderem ausgestattet hat, dass sich „Machtstreben“ nennt.
 
Wenn man diesen Gedanken nun weiter fortführt, dann drängt sich mir die Schlussfolgerung auf, dass sich der Wunsch nach „Macht“ – und zwar im Sinne von Kontrolle über Andere – als wichtige Triebfeder der sexuellen Aktivität beim Menschen mit der Zeit entwickelt hat.
Doch was ist jetzt mit jenen Menschen, die nicht offensichtlich kontrollieren, aber trotzdem permanent Spitz wie Nachbars Lumpi sind? Der rechthaberische Schlaumeier nennt diese Eigenschaft „devot“. Meiner Ansicht nach ist ein devotes Verhalten genauso ein Ausüben von Macht, nur einfach viel subtiler. Der devote Mensch ergibt sich dem dominanten Gegenpart, schon klar, nur findet bei beiden eine – in den meisten Fällen – stumme Übereinkunft statt, was geht und was nicht geht. Auch der devote Mensch kontrolliert, nur eben nach einer anderen Prämisse wie es der Dominante macht. Es ist für mich kein Widerspruch.
 
Wenn ich den Aspekt der „Macht“ akzeptiere, dann wird für mich auch die Ursache dieser ganzen Verbrechen, ich spreche hier von sexuell motivierten Gewaltverbrechen, vor allem mit sadistischer Komponente, etwas verständlicher. Denn das war für mich immer der Knacksus Punktus: Wieso entarten manche Menschen so dermaßen, dass sie solche schrecklichen Morde begehen, ohne scheinbaren Grund? Klar, wenn ein Typ einen anderen umlegt, um sich vom erbeuteten Geld Drogen kaufen zu können, dann liegt die Ursache hier auf der Hand. Hier braucht man nicht viel über Gründe philosophieren. 
Anders ist es aber, wenn der Herr Familienvater mit Frau, drei Kindern, Hund und Aquarium mit zwölf glücklichen Neon-Fischen plötzlich verhaftet wird, weil er der gesuchte Serienmörder ist und 345 grausame, sadistische Folterungen inkl. Tötung an Frauen auf dem Buckel hat. Da sind so lapidare Begründungen wie „Naja, er hat halt Druck in der Arbeit gehabt.“ oder „Hatte halt ne schlechte Kindheit. Bekam nie das tolle Piratenschiff von Playmobil.“ kotzen einem eher nur an, als das sie Licht in die Ursache bringen. 
Und genau um diese Ursache geht es mir aber bei Herrn Familienvater! Klar hat er Druck gehabt, wär ja noch schlimmer, dass ein solcher Typ wie der Hund von Baskerville rumläuft und dabei noch nicht mal Druck hatte!! 
Egal jetzt… ich denke, dass dem Phänomen der Macht mehr Beachtung geschenkt werden sollte.
 
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Eine Antwort auf Sex und Macht

  1. Davina sagt:

    „„Ein Mann denkt ungefähr alle 5 Sekunden an Sex… eine Frau ständig.““

    „entscheidend ist die Tatsache, dass der vernunftbegabte Mensch scheinbar nicht anders kann, als ständig über die Fortpflanzung nachzudenken, besser ausgedrückt: Über das ganze Drumherum der Fortpflanzung. Tja, und der nicht vernunftbegabte Mensch tut sowieso nichts anderes.“

    Die beiden Zitate im Zusammenhang gelesen ergibt eine riesengroße Frechheit mein Lieber!

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