Sägen, Macht und andere Perversitäten

 
Kennt jemand die Horrorfilm-Reihe mit dem Titel „Saw“? Ich vermute ja und viele werden die Filme auch gesehen haben. An dieser Stelle gebe ich zu, dass ich diese Filme bis dato noch nicht wirklich wahrgenommen habe und ich habe auch nicht vor, sie mir anzusehen. Das liegt zum einen daran, dass ich Horrorfilme nicht wirklich mag und zum anderen, dass solche Filme mir den Pulsschlag auf ungeahnte Höhen schnellen lassen. Mein cineastisches Spektrum ist zwar groß und reicht von Komödien aller Art, über Science Fiction und natürlich Action bis hin zu auch anspruchsvollen Filmen (wenn mir der Sinn danach steht), aber bei Horrorfilmen hört es auf. Ich will mich im Kino (oder zuhause vor dem Fernseher) gemütlich zurücklehnen können ohne dabei den Kaffee zu verschütten, weil von irgendwoher irgendwas geflogen kommt und jener Person, von der man bis zu diesem Moment annahm sie sei der Hauptdarsteller, irgendwas abzutrennen oder sonstwie so dermaßen zu verletzen, dass sie anschließend einen Invalidenpass braucht, mit dem man damit sogar mitten auf einer Kreuzung ungestraft parken darf.
Eines mal vorweg: Bei „Saw“ ist ein gemütliches zurücklehnen definitiv unmöglich, außer, man ist dank eines fulminanten Gendefektes völlig abgebrüht und emotionslos.
 
Worum geht es bei Saw eigentlich? Die Kurzform lautet: Es geht darum, in 90 Filmminuten möglichst viele Menschen möglichst grausam abzuschlachten. 
Die etwas längere Erklärung lautet so:
Ein verrückter Sadist, Serienmörder, Folterknecht… wie auch immer man ein solches krankes Schwein auch nennen möchte… sucht sich Menschen aus, die es seiner Meinung nach verdient haben, dass man ihnen ins Gewissen redet, damit sie ihr Leben ändern. Einfach deshalb, weil zumindest einiges was sie so treiben ziemlich Scheiße ist. Da ist zum Beispiel ein Versicherungsmanager dabei, der durch geschickte Winkelzüge einem todkranken Typen die Bezahlung der Therapie verwehrt oder der Mörder eines Kindes usw.
Es handelt sich durchwegs um Frauen und Männer, bei denen man reflexartig denkt, dass diesen mal gehörig eines auf die Nuss gegeben werden sollte. 
Ich denke, diese Typen wären unendlich froh gewesen, einfach nur eins auf die Nuss zu bekommen, denn wenn man dann sieht, mit welchen Grausamkeiten diesen Leuten zu Leibe gerückt wird, dann wird der normal getaktete Zuseher zumindest ein wenig unruhig bei der Sache werden.
Dieses „ins Gewissen reden“ nimmt dann recht schnell leicht seltsame Formen an und man bekommt nach gefühlten zwei Filmminuten das Gefühl, dass „reden“ nicht wirklich die bevorzugte Wahl des gegenseitigen Austausches sein soll.
Der Clou dabei ist, dass diese Menschen gefangen werden und sie wachen meist in einem Raum auf und werden vor die Wahl gestellt, ob sie leben oder sterben wollen. Das mit der Wahl sieht dann so aus, dass diese Personen Teil eines Spieles werden, das sie gewinnen müssen. Damit hat unser irrer Killer jetzt weniger an Schnick-Schnack-Schnuck gedacht als daran, dass man beispielsweise mit einem Arm an etwas angekettet wurde und eine Kreissäge wummert gemütlich auf einen zu und wenn man sich nicht innerhalb von 60 Sekunden aus der Kette befreit, dann wummert die Kreissäge durch einen durch. Gemütlich zwar, aber in einer solchen Situation ist es mir ehrlich gesagt scheißegal, ob so eine Kreissäge gemütlich drauf ist oder hektisch oder sonst wie. Freundlicherweise hat man dann neben der Kette ein Hackebeil liegen mit dem man sich den Arm abhacken kann, denn nur so kommt man frei.
Gut, und das war jetzt so ziemlich die harmloseste Perversität die in diesen Filmen vorkommt. Vom „Arm abhacken“ über „Auge sich selbst ausstechen“ bis „sich selbst in Stücke schneiden“ wird da so ziemlich nichts ausgelassen.
Eines muss man diesen Filmen zugute halten: Sie haben keine Längen und man vertieft sich nicht in philosophische Gespräche, dass einem schwummrig dabei wird.
 
Eine Frage sollte aber jetzt gestattet sein:
Wie krank ist eigentlich unsere Gesellschaft, wie unendlich abgebrüht und verroht ist sie, dass solche Filme so dermaßen erfolgreich sind, dass es inzwischen 7 (in Worten: Sieben) Teile davon gibt und einer davon sogar in 3D?
Wir reden hier ja nicht davon, dass der Herr Meier dem Herrn Huber eins vors Schienbein tritt und der mit multiplen Hautabschürfungen ins Krankenhaus kommt. Wir reden davon, dass hier Menschen auf brutalste Weise ermordet werden, mehr noch, sie werden gezwungen, sich auf brutalste und beinahe nicht vorzustellende Weise zu verstümmeln und das Ganze wird auch noch so realistisch wie möglich filmisch umgesetzt!
Wie krank ist unsere Gesellschaft inzwischen geworden, dass der Gedanke daran – sich selbst verstümmeln zu müssen – uns einen solchen Nervenkitzel beschert, dass Millionen Menschen dabei einer abgeht, und der Macher dieser Filme mit dem Drehen gar nicht mehr nachkommt?
 
Leute, jetzt mal ganz vorsichtig und bescheiden gefragt: Haben wir sie denn überhaupt noch alle?
 
Ich wäre ja nicht ich, wenn ich das jetzt nicht hinterfragen würde und wäre ich nicht ich, dann wäre ich ein anderer und das wäre ziemlich seltsam.
Oder anders: Was passiert da eigentlich mit uns, dass wir uns einen solchen Müll ansehen und den auch noch toll finden?
 
Jetzt kommt die ultimative „Horror-Archetypisierung“ am Beispiel „Saw“ nach Mark E. Carter:
Ausgegangen von der Frage „Warum sehen sich Menschen absolut vollkranke Horrorfilme an und meinen dazu sogar, dass sie diese gut finden?“
(Anmerkung: Ich rede ja nicht von Filmen wie „Die Vögel“ … nicht zu verwechseln mit „Die Vögeln“… diesen Film gibt es im Ü18 Bereich der örtlichen Videothek und der Schreibfehler, nämlich das viel zu groß geschriebene „V“ fiel niemanden wirklich auf… ich rede hier von solchen Filmen, wo abscheulichste Verbrechen an anderen Menschen bis ins kleinste Detail dargestellt werden.)
 
Hier ist zuerst mal „Der Voyeur“ zu erwähnen.
Der Voyeur ist nicht wirklich ein Fan von Horrorfilmen. Er ist jemand, der eigentlich nie gelernt hat, wegzugucken und daher guckt er hin, und zwar ständig. Er betrachtet Knutschende ebenso wie er abends am Fenster steht und darauf hofft, dass irgendein Nachbar vergessen hat, den Vorhang vorzuziehen. Fühlt sich der Voyeur ertappt, dann dreht er schnell den Kopf weg und hofft, dass niemand merkt, wie ihm bei der kleinsten Kleinigkeit die Augen rausfallen. 
Sein Verhalten ist zwanghaft und deswegen sieht er sich gerne Horrorfilme an, denn für ihn ist es dann so, als würde er heimlich andere Leute beobachten. Deswegen geht er gerne ins Kino, denn erst wenn es so richtig dunkel ist, fühlt er sich unbeobachtet. 
Eigentlich findet die Dinge, die in Horrorfilmen so passieren, ziemlich scheußlich, aber er ist halt fasziniert davon, dabei zu sein, wenn „sich bei anderen Menschen was tut“ und da nimmt er es schon mal hin, dass jemanden ein Bein abgeschnitten wird…. oder der Kopf weggesprengt. 
Tief in sich drinnen ist der Voyeur ein einsames Wesen und da kann ihm keiner helfen, will man auch nicht wirklich.
 
„Der Prahler“
Der Prahler ist eine arme Sau. Er gehört nämlich zu der inzwischen im Aussterben begriffenen Spezies von Menschen, die tatsächlich glauben, dass das Angucken von Horrorfilmen mit einer Heldentat zu vergleichen ist. Genauso wie das Zocken von Videospielen.
Während der Prahler sich einen solchen Horrorfilm ansieht ist er ständig damit beschäftigt a) nicht zu kotzen und b) das was er sieht, halbwegs sauber zu verarbeiten ohne dabei nicht hirnkrank zu werden. 
Wenn der Film vorüber ist und man ihn danach fragt, bekommt man Antworten wie „War ganz nett“ oder „Hab es mir schlimmer vorgestellt“. Der Prahler hofft, dass solche Aussagen ihm zumindest das Attribut „Harter Hund“ bescheren, stattdessen beschert es ihm höchstens ein Kopfschütteln.
 
„Der Ungerührte“
Hier haben wir es mit einer gefährlichen Ausprägung zu tun, denn der Ungerührte ist auf der Suche nach emotionaler Ablenkung und deswegen sieht er sich Horrorfilme an. die übelsten Szenen entlocken ihm maximal ein Augenzucken und wenn das Blut eimerweise fließt, dann entspannt er sich, aber diesen gewissen Kick, dem er nachläuft, den findet er hier leider nicht.
Dieser Typus ist eine Zeitbombe und es ist niemanden zu wünschen, in der Nähe zu sein wenn sie hochgeht.
 
„Der Abenteurer“
Hier haben wir es mit dem klassischen Archetypen an Kinogeher zu tun, nämlich jener, der sich schlicht einfach ablenken möchte. Er nimmt sich vor, einen Horrorfilm anzusehen, auch mal einen, der besonders „scheußlich“ ist… wie er es auszudrücken pflegt. 
Der Abenteurer zuckt zusammen, wenn plötzlich irgendwas auftaucht, das nicht auftauchen sollte, sein Puls geht in die Höhe wie eine Arianne-Rakete und er freut sich wie ein Kind, dass der Film endlich vorbei ist und er es überstanden hat. Er will sich unterhalten und ab und an kann es auch mal „Saw“ sein, muss es aber nicht.
 
Das waren sie, die Horrofilm-Archetypen nach Carter, doch was übrig bleibt ist die Frage, warum wir Menschen uns solche Bilder antun müssen. 
Sind wir wirklich schon so degeneriert, so abgebrüht, dass uns nur noch Extreme emotional berühren?
Ich persönlich glaube ja, dass die meisten Menschen voyeuristisch veranlagt sind und der Blick auf etwas scheinbar „Verbotenes“ erregt unsere ganze Aufmerksamkeit. 
Bilder von Kriegsschauplätzen, Paparazzi-Fotos, die Aufnahmen im „Stern“ von Tatorten und anderen Stellen die das Leid anderer Menschen zeigen, all das lässt uns innehalten und wir lassen uns davon fesseln.
Nur, genügt dies als Erklärung? … weil wir latente Voyeure sind, oder gibt es da noch mehr? 
Ist es wirklich so, dass die Gesellschaft emotional immer mehr verkümmert, wie es manche Soziologen sehen wollen? Sind die immer realistischer wirkenden Computerspiele, das Internet selbst und die immer ausgereiftere Filmtechnik einer der Hauptgründe für diese Verkümmerung?
Ich weiß es nicht. 
Was ich zu wissen glaube ist, dass der Mensch – seit es ihn gibt – dazu neigt, Macht zu erlangen. Und Macht ist eine der wichtigsten Triebfedern, die zu Mord, zu Misshandlungen führt. Vielleicht ist „Macht“ ein evolutionsbedingtes Artefakt, das uns Menschen zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Es hat beigetragen, dass wir es sind, die über diesen Planeten herrschen (bzw. glauben, es zu tun).
Vielleicht leben wir heute einfach in einer Zeit, in der die Macht eines Einzelnen immer mehr schwindet und wir uns deshalb einen Ausweg aus diesem Dilemma suchen. 
Wir suchen nach Macht, weil sie ein gleichermaßen evolutionärer Bestandteil ist, wie die Angst, die Aggression und das Glücksgefühl. 
Sollte dem wirklich so sein, dann würde sich mir so manches begreiflicher darstellen.

 

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2 Antworten auf Sägen, Macht und andere Perversitäten

  1. Tabs sagt:

    Ich geb dir völlig recht Mark. Wie abgebrüht muss man sein, um solchen Scheiß anzuschaun und wie krank die Gesellschaft, die so etwas zulässt…

  2. Mark sagt:

    Tja, das ist eben die Frage.
    Ist die Gesellschaft krank, ist sie einfach inzwischen so abgebrüht, damit sie ständig einen immer extremeren Stimulus benötigt oder war die Menschheit immer schon so, und es sind in unserer Gegenwart lediglich moralische Filter wegrationalisiert worden?

    Ich habe da den dritten Punkt im Visier, denn in meinen Augen war der Mensch schon immer die Bestie die er auch heute ist… und das meine ich jetzt in keinster Weise resignierend, sondern es ist für mich eine einfache Feststellung.

    Ich frage mich, ob der Preis der Intelligenz jener ist, dass man zu einem ichbezogenen Monster wird, das alles vernichtet, was ihm die Sicht auf sein Spiegelbild verstellt.
    Sollte dem so sein, dann hoffe ich, dass wir nie Bekanntschaft mit einer extraterrestrischen Lebensform machen werden. 😉

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