Krank sein und krank werden in Deutschland

Grundsätzlich muss man ja sagen, das Gesundheitssystem in Deutschland ist schon toll. Jedenfalls verglichen mit Ländern wie Somalia, Kambodscha oder den Osterinseln. Im Falle der Osterinseln ist es sogar so, dass dort beispielsweise Sonnenallergiker ein gewaltiges Problem haben, unter einem lauschigen Schattenplatz, sagen wir mal: einer mittelprächtig gewachsener Gruppe junger Linden, Schutz zu suchen, während man auf die Therapiestunde wartet. Auf den Osterinseln gibt es nämlich keine Linden, weder alte noch junge. Es wachsen dort überhaupt keine Bäume mehr, nachdem sich die Ureinwohner der Osterinseln irgendwann einmal in den Kopf gesetzt haben, riesige Steinmonumente zu bauen. Gewaltige Köpfe aus irrsinnig schweren Felsen zu hauen und diese dann auf einer Stelle aufzubauen, die sich ewig weit entfernt vom damaligen Steinbruch befand. Um diese Köpfe dann transportieren zu können, brauchte man Bäume, besser gesagt: Holzstämme, und die haben nur Bäume. Traktoren gab es damals noch nicht, weil man vor etwa 5.000 Jahren noch zu doof dazu war, Trecker zu bauen. Aber gewaltige Köpfe, die kriegte man hin.

Warum die Menschen die ollen Schädel nicht gleich rechts neben dem Steinbruch stehen ließen und gut war es, weiß heute niemand mehr. Jedenfalls droschen die wie die Bekloppten so lange auf den Steinen rum, bis alles weg war, das nicht nach Kopf aussah und schleppten die Dinger über die halbe Insel. Mit dem Resultat, dass jetzt unzählige Steinmonumente rumstehen, aber keine Bäume mehr.

Also ein Albtraum für Menschen mit Sonnenallergie. Da geht es uns in Deutschland schon besser, denn wir haben schließlich den Schwarzwald. Und den Taunus. Außerdem haben wir niemanden in unserer Mitte, der mit wahnhaftem Eifer aus jedem Kiesel einen Kopf raushauen will. Was für ein Glück!

Doch so ganz rundum zufrieden können wir mit unserem Gesundheitssystem auch nicht sein, denn es gibt immer noch Fälle, da stellt es einem die Haare zu Berge.

Ein kleines Beispiel: Eine Patientin, nennen wir sie „Susi“, die klagt über Bauchschmerzen, geht zum Arzt und irgendwann stellt jemand fest, Susi leidet unter einem Darmverschluss, weil viel früher einmal ein anderer Arzt bei einer Blinddarm-Operation mit zu viel ärztlichem Eifer viel zu tief in des Susis jungen Körper schnitt. Egal jetzt, Susi konnte dem Onkel Doktor verzeihen, hat ihm aber nun einen beginnenden Darmverschluss zu verdanken. Der andere Arzt meint dazu, Susi müsste sich das in Ordnung bringen lassen und das macht Susi dann auch.

Dazu fährt sie in die Deutsche Diagnoseklinik in Wiesbaden, wo alle total nett sind und zwei Drittel von Susis Dickdarm entfernen, weil das auch total notwendig war.

Jetzt liegt die Susi – um zwei Drittel Dickdarm leichter als vorher – in ihrem Krankenzimmer. Neben ihr eine Frau um die Sechzig, also ungefähr doppelt so alt wie unsere Susi. Diese Dame kann man als sogenannte „Klinik-Touristin“ bezeichnen. Also eine Frau, die übermorgen ihre einhundertste Operation feiert und deren Themen sich ausschließlich um ehemalige Krankheiten, aktuelle Krankheiten und beginnende Krankheiten drehen. Und wenn sie mal nicht über irgendwelche medizinischen Eingriffe fachsimpelt, zitiert sie alle Frauenzeitschriften dieser Welt und hält Victoria Beckham für viel zu dünn.

Sollten der Klinik-Touristin die Themen ausgehen, dann beschwert sie sich über das Essen oder sie beginnt mit der Susi ein Streitgespräch über die notwendige Länge einer Operation, die das teilweise Entfernen des Dickdarms zum Thema hat.

Jedenfalls wollte die Klinik-Touristin eine Reha haben. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, bekam sie auch schon eine. Am Chiemsee, denn dort ist ja das Wasser besonders feucht und das tut dem geschundenen Touristenkörper besonders gut. Das war der Klinik-Touristin natürlich auch nicht recht, denn sie sollte gleich nach dem Krankenhausaufenthalt in die Reha kommen. Und wie soll sie dann vorher zum Friseur kommen? Und sich noch was Ordentliches zum Anziehen kaufen? Und überhaupt und außerdem, also nein, das geht schon mal gar nicht. Natürlich wurde der halbe Planet um ein Stück verrückt, damit unsere Touristin den passenden Termin bekommt, in eine Reha am Chiemsee, deren Essen höchstwahrscheinlich mindestens ebenso schlecht ist, wie in der Diagnoseklinik in Wiesbaden. Die Beckham wäre da wahrscheinlich noch dünner geworden, eine Katastrophe in den Augen der Klinik-Touristin.

Auch Susi wollte eine Reha. Schließlich ist sie noch recht jung, der Bauch tut weh und der Rest vom Dickdarm sollte ja wieder funktionieren, denn irgendwo soll das ganze Essen auch wieder rauskommen können.

Jetzt ist es in deutschen Landen so, dass ein gewisser „Sozialer Dienst“ sich darum kümmert, wer in die Rehas dieser Welt kommt. Der Soziale Dienst wird meist in den Kliniken durch eine Person vertreten und da kommt es halt darauf an, wie, sagen wir mal:  ehrgeizig, diese Person ist.

Susi kam inzwischen von Wiesbaden nach Hause und während die Klinik-Touristin mit der ganzen Welt herumstritt, ob sie nicht noch einen Tag Reha rausschieben könnte, weil auch die Fingernägel dringend mal gemacht werden müssten, hatte Susi noch keinen Termin. Der Soziale Dienst brauchte länger.

Achso: Susi wollte nicht zum Chiemsee. Die will nach Bad Homburg, gleich in der Nähe.

Die Rehaklinik in Bad Homburg hat aber leider keinen Bock auf die Susi, denn die Rehaklinik in Bad Homburg behauptet jetzt ständig, dass noch irgendwelche Unterlagen fehlen, obwohl der Soziale Dienst meint, alles bereits zum x-ten Male dorthin geschickt zu haben. Auch Susis Anrufe bei der zuständigen Versicherung laufen ins Leere, denn die sind dafür nicht zuständig und das macht ja die Rehaklinik in Bad Homburg, deren total frustrierte Mitarbeiterin die Susi ankeift, weshalb sie denn bei ihr anrufe, denn „sie würden sich schon melden“.

Klar, es fragt sich nur wann.

Inzwischen sind 4 Wochen vergangen. Susi wartet noch immer auf einen Rehaplatz in Bad Homburg, die dort lauernde, frustrierte Mitarbeiterin will noch immer keine Telefongespräche mit irgendwelchen Susis führen und die Klinik-Touristin streitet wahrscheinlich gerade mit den Fischen im Chiemsee, weil diese viel zu laut atmen.

Das Gesundheitssystem hängt an Personen und wenn diese zu faul sind, keine Lust auf irgendwas haben oder Messis sind, die alle Unterlagen verräumen und nicht mehr finden, dann hat man als Susi schlicht einfach Pech gehabt.

Auch haben wir in Deutschland so tolle Dinge wie GDP’s, also ein Abrechnungssystem für Kliniken, nachdem diese Häuser nur noch Pauschalen für die Behandlungen erhalten. So bekommt ein Krankenhaus – sagen wir mal – 1.000 Euro für eine Hüft-OP, egal, wie lange der Patient in der Klinik bleibt oder nicht. Jetzt kann man sich mal vorstellen, warum Operationen künftig im Taxi durchgeführt werden, während der Patient nach Hause gekarrt wird.

Auch haben wir in Deutschland das System der Budgets. Dahinter verbirgt sich die Logik, dass Ärzte in einem Quartal eine bestimmte Anzahl an Leistungen abrechnen kann. Wenn er diese Zahl überschreitet, hat dies hohe Abschläge zur Folge. Also hat so ziemlich kein Arzt Lust, Untersuchungen, Operationen, vielleicht auch im Rahmen einer Reha, durchzuführen, wenn er dafür 43 Cent weniger verdient.

Das bedeutet also, wenn man die neue Hüfte will und der Arzt hat dieses Quartal dummerweise den gesamten Wohnblock mit neuen Hüften versorgt und sein Budget erfüllt, dann wird der Onkel Doktor keine neue Hüfte einsetzen. Nicht im aktuellen Quartal. Punkt, aus.

Jetzt mal vereinfacht dargestellt.

Vielleicht hat Susi nur Pech und auch Rehakliniken unterliegen diesen Budgets (und nicht nur Arztpraxen) und in Bad Homburg hatten sie schon zu viele Dickdärme. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb dort alle so unfreundlich sind am Telefon. Die können keine Dickdärme mehr sehen.

Ich glaube, Susi hat einfach nur Pech. Dumm gelaufen. Ihr fehlt halt die Erfahrung und Routine einer Klinik-Touristin.

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