Warum die Finanzkrise langsam nervt – Teil 2: Griechenland

 
Im Moment treiben uns zur Abwechslung nicht nur die Banken an den Rand des Abgrunds, sondern gleich ganze Staaten. Allen voran Griechenland.
Griechenland ist de facto bankrott. Wenn es noch vor einigen Jahren unvorstellbar war, dass ein gesamtes Land vor dem Konkurs stehen kann, werden wir plötzlich mit dieser Situation konfrontiert. Jetzt darf Europa Unmengen an Geld zuschießen, um genau diesen Wahnsinn abzuwenden.
Das fast Unglaubliche daran ist, dass wir, also jene Staaten, die noch nicht bankrott sind und deswegen die Geldgeber spielen dürfen, Griechenland über 100 Milliarden Euro »leihen« müssen, damit dieses Land überhaupt die Chance hat, in ein paar Jahren auf einen Schuldenstand zu kommen, der 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht!
 
Das muss man sich erst mal vorstellen!
 
Unter dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) versteht man jenen Wert, den ein Staat innerhalb eines Jahres an Gütern herstellt. Also alles, das ein Land produziert, seien es Waren oder auch Dienstleistungen. Griechenland verzeichnet jetzt aber einen Schuldenberg, der – sollte es glänzend laufen – vielleicht irgendwann einmal an das 120fache deren Wertschöpfung heranreicht!
Erst wenn dieses Ziel erreicht wurde – und hier stellt sich überhaupt die Frage, ob das jemals passiert – kommen wir in die Situation, dass Griechenland »nur noch« gigantische Schulden hat. Immerhin eine Entwicklung. Zuvor war es ein Schuldenstand, für den es keinen Begriff gibt, jetzt ist es zumindest das Wort »gigantisch«.
Wie krank ist dieser Umstand eigentlich?
 
Ich drücke es mal vorsichtig aus: Wenn ich dem Franzi, den fünfjährigen Sohnemann meiner dicklichen Nachbarin schräg gegenüber erkläre, dass der Onkel Gustav nie Geld hat, weil er viel öfter zu Hause sitzt, als arbeiten geht und ich Franzi frage, ob er dem Onkel Gustav mal ein paar Euro leihen kann, dann wird dieser ganz spontan mit „Nö!“ antworten.
Der kleine Franzi hat vielleicht nicht Betriebswirtschaft studiert und er ist kein Finanzminister, aber er hat kapiert, dass beim Onkel Gustav Hopfen und Malz verloren ist. Das Geld ist er los und Onkel Gustav ist wenige Tage später genauso blank wie vorher. Die paar Euro könnte der Bub auch in der Sandkiste vergraben. Hätte den gleichen Effekt.
Wenn heute ein mittelständisches Unternehmen zur Bank geht und dort sagt, dass sie zwar  Unmengen an Schulden, aber dafür kein Konzept haben, dann wird die Bank nicht nur den  Kredit verweigern, sondern sofort alle anderen Außenstände einfordern und das Unternehmen auf diese Weise über die Wupper springen lassen.
Nicht so im Falle Griechenland.
 
Es stellt sich die Frage, wie es zu einer solchen Situation überhaupt kommen kann.
Im Grunde – so sehe ich es zumindest – »funktioniert« ein Staat ähnlich einem gewaltigen Unternehmen; am besten mit einem Dienstleistungsunternehmen vergleichbar.
Die Einnahmen werden durch Steuern erzielt, allen voran die Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer, Gewerbesteuern und Zollsteuer. Mit dieser Kohle schafft ein Staat jene Lebens- und Arbeitsbedingungen, die der Bevölkerung so einen Wahnsinnsspaß bereiten. Der Staat baut also Straßen, sorgt für die öffentliche Sicherheit, und wenn es irgendwo brennt, dann hat so ein Land idealerweise eine Feuerwehr, die alles nass macht. Es kümmert natürlich auch darum, dass sich andere Firmen hier wohlfühlen und investieren.
So kann man – sehr vereinfacht – beschreiben, wie so ein Staat eigentlich geführt wird. Wie kommt es jetzt zu einer solch überirdisch hohen Staatsverschuldung? In erster Linie dann, wenn es an Einnahmen fehlt, sprich: Das Volk keine Abgaben leistet oder der Anteil der Ausgaben jene der Einnahmen exorbitant übersteigt.
Und genau das ist bei Griechenland der Fall.
Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, dass in diesem Land scheinbar keine Sau auch nur einen Euro an Steuern zahlt, niemand so gerne arbeiten geht, aber dafür möglichst früh in Rente und das schon seit ewigen Zeiten und niemand der Staatenlenker dort unternimmt etwas. So wie ich es verstehe, dürfte Bestechung und Betrug so natürlich sein, wie der tägliche Gang aufs Klo.
Beispiele gefällig?
Wenn die Einkommenssteuer fällig wird, dann geht der Grieche zum Steuerberater. Dem zahlt er dann etwas mehr an Honorar, natürlich unter der Hand und steuerfrei. Das motiviert den Steuerberater dermaßen, dass er den Steuerbescheid so hinbiegt, dass die Einnahmen und Ausgaben seines Auftraggebers nahezu gleich sind. Ergebnis: Der Grieche muss keine Steuern zahlen.
Handwerksarbeiten werden in Griechenland traditionsgemäß von Onkeln, Freunden oder Blutsbrüdern durchgeführt. Rechnungen braucht da keiner und daher werden auch keine Steuern ausgewiesen. Wieder steht der Staat mit leeren Händen da. Wenn ich als griechisches Unternehmen Ware aus dem Ausland kaufe, dann bekommt der Zollbeamte natürlich Bestechungsgeld und ich erspare mir die Zollsteuer. Und so weiter und so fort.
So etwas kommt in nahezu jedem Land vor, keine Frage. Im Falle von Griechenland dürfte aber jeder so vorgehen und das ist das Fatale. Natürlich gehören immer Zwei dazu. Die Politiker haben es über Jahrzehnte versäumt, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und durch dieses Verhalten entstand bei den Leuten eine Mentalität, die man am besten als »fehlendes Unrechtsbewusstsein« beschreiben kann.
Fehlendes Unrechtsbewusstsein? Wenn man das liest, könnte man direkt versucht sein anzunehmen, dass unser geschasster Bundespräsident Wulff ein Grieche ist, nicht wahr?
 
Vetternwirtschaft, Bestechung, Schmiergelder in Verbindung mit einer rammdösigen Regierung, die nur die nächsten Wahlergebnisse im Blick hat, haben zu dieser Entwicklung in Griechenland geführt.
So, jetzt ist die Halbinsel mit den vielen bunten Inseln ein Mitgliedsstaat in der Europäischen Union. Dort hat man auch den Euro eingeführt, sehr toll.
 
Als Mitgliedsland der Europäischen Union gilt es, Vorgaben – also Kennzahlen – einzuhalten, die wirtschaftliche Stabilität sichern sollen. Dazu zählt beispielsweise, dass ein bestimmter Wert der Neuverschuldung nicht überschritten werden darf, die Inflation (die Geldentwertung) nicht über ein gewisses Maß hinauszugehen hat, etc. Auch Griechenland lieferte jahrelang brav die entsprechenden Zahlen. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass sämtliche Angaben erstunken und erlogen waren. Man hatte einfach Statistiken erfunden.
Machen wir es mal wieder mit einem kleinen Beispiel aus dem täglichen Leben deutlich: Ich sitze einem Bankberater gegenüber, weil ich einen Kredit benötige. Der Berater wird an seiner Krawatte zupfen und mich nach meinem Vermögen fragen. Das macht er jetzt nicht aus krankhafter Neugierde, sondern die Bank möchte einfach wissen, wie sie ihr Geld wieder bekommt, wenn ich meine Raten nicht mehr zahlen sollte. Am Beispiel Griechenlands würde ich dann der Bank sagen, dass ich ein paar Immobilien besitze, und zwar den Reichstag, das Schloss Schönbrunn und Disneyland in Paris. Nebenbei bin ich auch stolzer Mehrheitseigentümer der Osterinseln und besitze das Vorverkaufsrecht auf alle bengalischen Tiger. Die Bank (in unserem Beispiel stellvertretend für die Kontrollinstanzen der EU) beginnt heftig zu applaudieren, wird mir das Geld in den Arsch blasen und mich auch noch am Sonntag zu Kaffee und Kuchen einladen.
So funktioniert das mit den Kennzahlen in der EU und jetzt wissen wir, warum Griechenland so lange mit der Nummer durchkam.
 
Jeder, der schon einmal für eine größere Anschaffung einen Kredit benötigte, sagen wir mal für eine Immobilienfinanzierung, der weiß, dass man diese Sicherheiten auch beweisen muss. Es genügt daher nicht, den Bankberater treudoof in die Augen zu schauen und »Schloss Schönbrunn« zu murmeln, sondern der will dann die entsprechend beglaubigte Urkunde dazu sehen. Es geht hier also um die Prüfung der Angaben.
Jetzt ist es so, dass halb Brüssel, dem Hauptsitz der EU, aus Beamten der Europäischen Union besteht, also ein riesiges Heer an Verwaltungsbeamten in Belgiens Hauptstadt durch die Gegend läuft. Scheinbar dürfte die dortige »Prüfabteilung für Finanzen« nicht vorhanden sein oder eine schreckliche Seuche hat dazu geführt, dass diese Abteilung eine Sperrzone ist, die niemand betreten darf.
 
Gut, Griechenland hat also alle betrogen: die Bevölkerung den Staat und der Staat die Bündnispartner.
Wenn man von vorne bis hinten verarscht wird, dann gibt es normalerweise irgendwann einen gewaltigen Tritt in den Hintern und das war´s.
Nicht so im Falle Griechenlands.
Wir wurden zwar alle für dumm verkauft, aber nun macht sich die Regierungen der anderen Länder Gedanken, wie man den armen Griechen jetzt helfen könne.
Sie brauchen also riesige Geldsummen, die Griechen.
Gut, dann geben wir ihnen die gewaltigen Geldsummen, und wir verpflichten die Griechen, uns das Geld wieder zurückzuzahlen.
Klar, die Griechen sind ja für ihre unglaubliche Verlässlichkeit bekannt! Wird schon klappen, sage ich mal!
Super!
Warum passiert mir das nie, dass mir jemand Geld geben will und nicht wirklich erwartet, dass ich es wieder zurückzahle?
 
Wenn wir den Griechen jetzt Hunderte Milliarden in den Rachen stopfen, dann muss Griechenland dafür auch etwas tun. Schulden reduzieren zum Beispiel. Das haben die Finanzminister der anderen Länder vehement gefordert und sogar Schäuble soll dabei ganz aufgeregt im Rollstuhl herumgewackelt sein.
»Klar!«, sagt Griechenland, »Wir reduzieren die Schulden. In zwei, maximal 3 Jahren sind wir sowas von schuldenfrei, da werden alle gucken, werden die da!«, sagt die Regierung in Athen. Na, wenn die das sagen, dann wird das auch stimmen.
Für einen Staat bedeutet ein solcher Schritt natürlich gewisse finanzielle Einschnitte. Kennt jeder, versteht jeder.
Es muss das Renteneintrittalter nach hinten verschoben werden. Schmerzhafte Dinge wie Gehaltskürzungen, Steuererhöhungen und auch Entlassungen sind dann die Folge.
Wir kennen das auch hier in Deutschland. Wenn es dem Land schlechter geht, dann müssen wir alle zusammenhelfen. Man geht halt erst mit 67 in Pension, nimmt eine Erhöhung der Mehrwertsteuer in kauf und die Pendlerpauschale? … gut, die wird reduziert. Gürtel enger schnallen, dann klappt es schon! Keiner jubelt deswegen, aber irgendwie sieht man es ein.
Es ist notwendig, da ansonsten das Land dem wirtschaftlichen Ruin geweiht ist.
Viele Länder, ganz vorne mit dabei Deutschland, zahlen also Unsummen, damit der hübsche Staat am Mittelmeer weiter existieren kann.
Na, da ist aber die Freude riesengroß, nicht wahr?
Ist sie nicht, denn für die Griechen sind jetzt die Deutschen die großen Arschlöcher! Schließlich sind die bösen Deutschen dran schuld, dass man jetzt plötzlich Steuern zahlen muss und nicht mehr mit fünfzig Jahren in Rente gehen darf! Da werden nun bei Protestkundgebungen deutsche Flaggen verbrannt und wir als Nazis beschimpft. Gleichzeitig beteuert die Regierung in Athen, dass sie sich so unglaublich anstrenge, alle Reformen durchzuführen. Wenn man diesmal nachrechnet, stellt man fest, dass die griechisches Regierung die geldgebenden Länder schon wieder beschissen hat, weil erneut sämtliche Kennzahlen manipuliert wurden.
Und was machen wir?
Die Regierungslenker setzen einen bösen Blick auf, drohen ganz entschieden mit dem Zeigefinger … und überlegen sich, wie sie die Hilfszahlungen aufstocken können.
 
Fassen wir auch hier mal zusammen:
Im Falle Griechenlands haben wir es mit einem Staat zu tun, dessen Bevölkerung so durchtränkt von Misswirtschaft und Bestechung ist, dass hier kein Verständnis für die massiven finanziellen Probleme aufkommt. Wir haben es gleichzeitig mit einer Regierung zu tun, die über viele Jahre hinweg nicht willens war, etwas dagegen zu unternehmen.
Es müssen nun unglaubliche Geldsummen investiert werden, um dieses Land vor dem Bankrott zu bewahren.
Die Griechen selbst sind jetzt sauer auf die Geldgeber, weil diese nicht einfach die Kohle abdrücken, sondern es auch noch wagen, die Finanzhilfen an Bedingungen zu knüpfen.
Griechenland drängt jetzt auf die Kohle, ohne auch nur irgendetwas an ihrer Misswirtschaft ändern zu wollen.
 
Gehen wir davon aus, die Kohle wird gezahlt.
Was passiert weiter?
Nichts wird passieren, denn Griechenland wird in wenigen Jahren wieder vor dem Bankrott stehen. Wenn ein gesamtes Land kein Unrechtsbewusstsein besitzt, wird es sein Verhalten auch nicht ändern!
Gleichzeitig werden diese gewaltigen Geldsummen irgendwann einen kritischen Wert erreichen und ganz Europa in eine wirtschaftliche Depression führen. Wenn es also dumm läuft, haben wir bald eine Finanzkrise ungeheuren Ausmaßes.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
Und auch diesmal sind wieder die Banken im großen Stil daran beteiligt!
Warum?
Irgendjemand muss den Griechen ja bis dato Geld gegeben haben.
 
Wie die Banken in diesem Spiel ihre Gewinne erzielen und warum Politiker beim Gedanken daran, Griechenland aus der EU zu werfen, Panikattacken bekommen, erzähle ich im nächsten Teil. 😉
Dieser Beitrag wurde unter Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen