Warum die Finanzkrise langsam nervt – Teil 1: Die Banken

 
Die Finanzkrise ist ein ernsthaftes Problem. Keine Frage.
Die Auswirkungen eines weltweiten Finanzkollaps wären fatal für uns alle. Die Chancen dafür stehen – mal wieder – leider gar nicht so schlecht. Die USA konnte erst letztes Jahr einen finanziellen Bankrott nur knapp abwenden. In Europa erinnern einige Länder an den Onkel Gustav (den sicherlich jeder in seiner Familie hat), der zwar immer pleite ist, aber bei Familienfeiern stets das Buffet plündert und alle mit seinen klugen Sprüchen nervt. Die Risikoländer in Afrika sind weiterhin vollkommen verarmt und in Russland wird zwar ein kleiner Teil der Bevölkerung stetig reicher, dafür das Land aber ärmer. 
 
Ich nehme an dieser Stelle die Antwort gleich vorweg:
Die Finanzkrise und ihre Auswirkungen für uns alle schwebt wie ein Damoklesschwert über jeden von uns. Hier möchte ich nichts beschönigen, noch verharmlosen und am allerwenigsten werde ich die drastischen Folgen  ins Lächerliche ziehen. 
Was mich allerdings nervt, ist die Art und Weise, wie man uns für dumm zu verkaufen versucht. Staatenlenker treten in dieser Situation als spendable Geldgeber auf, gaukeln ihren Bürgern mit knackigen Begriffen wie »Rettungsschirm« Konstellationen vor, die bestenfalls hoffnungslos weltfremd sind. Genau dieses Wort – Rettungsschirm – soll dem braven Steuerzahler glaubhaft machen, dass mit einer finanziellen Hilfe einem maroden Land so weit geholfen wird, dass dieses dann in der Lage ist, sich aus eigener Kraft wieder zu gesunden. Dass dies eben gar nicht der Fall sein kann, beschreibe ich im Laufe dieser Artikelreihe. 
 
Verschiedene Unternehmen stürzen sich auf die momentane Situation und versuchen bestmöglichen Profit daraus zu erzielen. Mir kommt es so vor, wie auf einem in Seenot geratenen Kreuzfahrtschiff, wo sich unser Onkel Gustav die Taschen mit dem Silberbesteck vollstopft, während die anderen Passagiere ihr Leben zu retten versuchen und zu den Rettungsbooten stürmen. Als Beispiel seien hier die Mineröl-Konzerne genannt, die mit fadenscheinigen Ausreden die Ölpreise in die Höhe jagen und unglaubliche Gewinne (!!) von Hunderten Milliarden Dollar erzielen. Ich rede hier nicht von Umsätzen; ich rede von Gewinnen, jenes Geld, das nach Abzug der Ausgaben in den Taschen verbleibt (einfach ausgedrückt). Auch die Banken erfreuen sich an dieser Entwicklung und lassen die Zinsen steigen. Eine Entwicklung, an der sie sogar wesentlich beteiligt sind, aber dazu später mehr. Die Geldhäuser verdienen oftmals doppelt: vor der Krise, weil sie nur mit hohen Zinssätzen den Staaten Geld leihen; und wenn die Krise ausgebrochen ist, weil dann die Leitzinssätze erhöht werden »müssen«.
Wortreich und nachhaltig erklärt man uns dann die Notwendigkeit von Steuererhöhungen oder gestrichenen Leistungen, die wiederum frisches Geld beschaffen sollen für neue waghalsige Finanzspielchen.
Ich frage mich zeitweise, ob die Regierungen ihre Bürger für wirklich so blöd halten, dass sie annehmen, wir würden ihre Geschichten glauben.
 
Wer erinnert sich nicht an die Bankenkrise vor einigen Jahren, ausgelöst durch Lehman Brothers & Co., deren hochspekulativen Geschäfte irgendwann einmal wie eine Seifeblase platzten. Die ganze Welt schlitterte in eine Rezension. Unmengen Geld wurde investiert, um den Banken zu helfen, die eigentlich das ganze Schlamassel verursacht hatten. Weltweit gingen tausende Arbeitsplätze verloren und unzählige Unternehmen gingen pleite. Jeder von uns musste Haare lassen, manche von uns sogar existenzgefährdend.
 
Wie war das noch in den Neunziger Jahren, Stichwort „Dot-Com Blase“?
„Das Internet ist DER Marktplatz der Zukunft!“, hieß es an jeder Hausecke. Plötzlich bestand der halbe Planet nur noch aus Internetspezialisten und virtuellen Unternehmern. An den Börsenplätzen der Welt hat man spekuliert, dass einem ganz angst und bange wurde. Beinahe jedes Unternehmen, das irgendwo in seinem Businessplan das Wort „Internet“ stehen hatte und dessen Geschäftsidee nicht völlig hirnrissig war, bekam von den Banken das Geld so dermaßen reingeschoben, dass die Pobacken weh taten.
Die Banken brachten unzählige Fonds auf den Markt und versprachen die abenteuerlichsten Renditen, denn „Das Internet ist DER Marktplatz der Zukunft!“. Diejenigen unter den Anlegern, die rechtzeitig wieder verkauften, verdienten auch richtig gutes Geld. Die restlichen gefühlten 97% verloren das gesamte investierte Kapital und sogar noch mehr, denn nicht wenige Bankberater empfahlen ihren Kunden, Kredite aufzunehmen und mit diesem Geld zu investieren (!), denn „Das Internet ist DER …“. Nur ein Fisch vermag heutzutage angesichts dieser Dinge nicht mit den Augen zu rollen, nicht wahr?
Auch hier rutschte der beinahe gesamte Weltmarkt in eine tiefe Depression, denn ab dem Moment, wo erkannt wurde, dass die meisten Internet-Firmen außer einer guten Geschäftsidee, Jugend und Elan nichts hatten, geschweige denn erwirtschafteten, zogen sich die Banken schließlich doch zurück. Und sobald der Geldfluss weg war, gingen diese Firmen pleite.
 
1929 gab es die erste weltweite Weltwirtschaftskrise. Bekannt unter dem Namen „Große Depression“ waren es auch diesmal wieder ungezügelte Spekulationen großer Geldhäuser, die letztlich zu einem gewaltigen Börsencrash führten. Die Folge war ein volkswirtschaftlicher Zusammenbruch gigantischen Ausmaßes. In allen Industrienationen kam es zu massiver Arbeitslosigkeit und Deflation, an der unzählige Familien zu leiden hatten.
 
Die Frage an dieser Stelle ist: „Warum machen Banken das?“
Damit meine ich jetzt nicht, dass sie Weltwirtschaftskrisen auslösen, sondern was ist der Grund für solche hochspekulativen Geschäfte, die ein gewaltiges Risikopotential in sich bergen? Es ist klar, dass Bankenmanager keine gehirnamputierten Affen sind, die einfach mal irgendetwas machen. Dahinter steckt natürlich System und ein gewisser Antrieb.
Um diese Frage beantworten zu können, muss man verstehen, wie die Wirtschaft überhaupt „funktioniert“.
Der normal getaktete Mensch nimmt an, dass der Motor der Wirtschaft die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ist. Diese Überlegung macht ja auch Sinn, würde ich mal behaupten. Einfach mal naiv in den Tag hinein geträumt, geht man davon aus, dass der Gewinn das Ziel ist, dass einem jeden Unternehmer die Mundwinkel nach oben reißt.
Doch wie so oft ist die Sache anders gelagert, als sie am ersten Blick erscheint. Die Wirtschaft heute wird von ganz anderen Antrieben gesteuert. Wir sprechen hier von den Kennzahlen. 
Bleiben wir bei den Banken.
Eine Bank ist eine Aktiengesellschaft. Das bedeutet, dass ihr Erfolg den Wert des Unternehmens erhöht und diese Wertsteigerung schlägt sich positiv im Aktienkurs nieder. Die Anleger haben daher großes Interesse daran, dass der Aktienkurs steigt, denn dafür gibt es Dividenden, bzw. Gewinne, wenn die Aktien wieder verhökert werden.
Jetzt ist der Gewinn zwar eine schöne Sache, aber der Wert eines Unternehmens kann nur in Vergleichszahlen gemessen werden. Und genau diese Vergleichszahlen pervertieren unser gesamtes Wirtschaftssystem. 
Neulich hörte ich im Radio, dass die Commerzbank in 2011 ein schlechtes Geschäftsjahr hatte. Der Gewinn brach nämlich im Vergleich zum Vorjahr um ca. 50% ein. Er betrug im Jahr 2011 nur etwas über 600 Millionen Euro. 
„Oh mein Gott!“, dachte ich, „nur über 600 Millionen Euro? Wie sollen die dann die Prämien für ihre Manager zahlen können?“
Um es ein wenig sacken zu lassen: Da macht ein Unternehmen den unfassbaren GEWINN von mehr als einer halben Milliarden und jammert dann allen die Ohren voll, wie unsagbar arm und am Arsch sie nicht sind?
O.k., was steckt also hinter der ganzen Jammerei? Der Gewinn als solches ist gar nichts wert. Es gibt beispielsweise verschiedene Retabilitätsberechnungen, die den Erfolg eines Unternehmens beschreiben. Die Umsatzrentabilität beispielsweise, also das Verhältnis zwischen Umsatz und Gewinn. Wenn also viel Umsatz gemacht wird, aber dazu im Verhältnis der Gewinn zu klein ist, dann ist schon mal Polen offen. Oder die Rentabilität des Eigenkapitals, also die Verzinsung des eingesetztes Kapitals. Dann gibt es noch den „Return of Investment“ (ROI). Hier wird wiederum der Gewinn zum eingesetzten Kapital gemessen. Das Ganze ließe sich jetzt unendlich lang fortsetzen, denn auch hier ist der Fantasie der Menschen keine Grenze gesetzt.
 
Was hat das jetzt alles mit den Spekulationsgeschäften zu tun?
Die Banken leben mit dem Druck, die Anleger bestmöglich zufrieden zu stellen und konzentrieren sich natürlich auf diese Verhältniszahlen. Diese müssen aber mit möglichst hohen Gewinnen gefüttert werden. Jetzt haben wir das Dilemma, dass ein hoher Gewinn nur mit dem entsprechenden Risiko zu erwirtschaften ist und schon sind wir bei der Antwort. 
Wir sind im Bereich der Glücksspiele, nicht immer, aber viel zu oft.
Am Beispiel der letzten Finanzkrise, ausgelöst in den USA: Hier waren es überbewertete Immobilien, die letztlich die Seifenblase zum Platzen brachte. 
Viele Leute in Amerika wollten ein Eigenheim, hatten aber zu wenig Eigenkapital. Dazu kam, dass die Finanzierungssumme den Wert des neuen Hauses überstieg.
Den Wahnsinn muss man mal sacken lassen:
Familie Mayer will sich ein Haus kaufen. Papa Mayer hat keine Kohle und Mama Mayer weiß nicht mal, wie man „Kohle“ schreibt. Dann haben sie das schmucke Häuschen am Bruchbudenweg 9 gesehen und das muss es jetzt sein.
Also, auf geht´s zur Bank. Kaufpreis ist eine Million, neues Haus ist aber nur 600.000 wert. Das weiss in diesem Moment noch niemand, denn die Bank gibt den Kredit, prüft aber nicht. Der Bank ist nur wichtig, möglichst viele Kredite abzuschließen, denn hier wird mal wieder irgendeine Kennzahl befriedigt. 
Wahrscheinlich die „Wird schon irgendwie klappen“-Kennzahl.
Gut, Papa Mayer geht die Kohle aus und Kreditrate kann nicht gezahlt werden. Bank kommt, nimmt Haus an sich und will es verkaufen, um das geliehene Geld wieder zu bekommen. Tja, hier hat die Bank einen Verlust von 400.000 gemacht. 
Und genau das dürfte im großen Stil passiert sein und so kamen die Banken ins Wanken. 
 
An diesem kleinen Beispiel sieht man, dass die Geldhäuser gar nicht anders können, als mit viel Risiko zu arbeiten. Grund sind die perversen Bewertungssysteme in unserer Wirtschaft.
 
Ob es davor Wirtschaftskrisen in solchen Dimensionen gab, ist nicht bekannt. Ich behaupte, dass die erste große wirtschaftliche Katastrophe einige tausend Jahre davor stattfand: nämlich als die Spanier in die Neue Welt aufbrachen und den Mayas und Inkas sämtliches Gold raubten. Dieser Akt der wirtschaftlichen Zerstörung ging natürlich ein wenig unter, denn vielmehr beschäftigte diese Völker der Genozid, der an ihnen betrieben wurde. So fair muss man an dieser Stelle sein: Diesmal waren nicht die Banken schuld.
 
Was kann man aber aus diesen Beispielen ableiten?
Einiges. Erstens steuern wir nicht das erste Mal auf eine Finanzkrise apokalyptischen Ausmaßes zu. Zweitens haben sich bei sämtlichen dieser wirtschaftlichen Katastrophen die Banken sehr darum gekümmert, ganz vorne mit dabei zu sein. Und drittens ist der Mensch scheinbar unbelehrbar. Es scheint, dass bei uns alles an Logik versagt, wenn es um Macht und Geld geht (wahrscheinlich kann man diese beiden Begriffe nicht mal trennen, da sie letztlich zu eng miteinander verwoben sind). 
Gehen wir nun dazu über, alles zusammenzufassen: Der Mensch ist zu blöd und zu gierig, um aus seinen Fehlern zu lernen.
 
Im nächsten Teil betrachten wir mal den Fall Griechenland etwas genauer. 😉

 

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