Wie viel Gewalt braucht der Mensch? … Teil 1

 
Auch wenn es in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr so gerne gesehen ist, sind Emotionen wie Ärger und Zorn so fest mit dem Menschen verwurzelt wie beispielsweise ein Handy mit Paris Hilton. Eigentlich ist es politisch nicht korrekt, dass wir unserer Missstimmung Ausdruck verleihen, wenn uns etwas über die Leber gelaufen ist. Wir leben in einer Zeit, in der man sein Gegenüber nicht mit einem Wutanfall brüskieren darf, obwohl dieser einen kalt lächelnd öffentlich lächerlich machte.
„Toleranz“ lautet jener Begriff, der derzeit so chic ist.
 
Wir befinden uns in einer Welt, in der Toleranz beinahe schon perverse Formen annimmt.
Es gehört sich einfach nicht, dass man dem Stiefellecker im Büro sagt, was für ein erbärmlicher Wurm er ist, nur weil er zum wiederholten Male einem die Ideen geklaut und für die Seine ausgegeben hat. Man klärt die Schnecke im Gesangverein nicht darüber auf, dass man sie für eine frustrierte, nervende Zicke hält, nachdem diese mal wieder eine Grundsatzdiskussion über die richtige Atemtechnik während der Kaffeepause vom Zaun gebrochen hat.
Nein, Stiefellecker und Schnecke haben Narrenfreiheit und werden niemals erfahren, dass sie eigentlich zur Gattung der erbärmlichen Würmer oder Zicken gehören.
Wir üben uns nämlich in Toleranz.
Genau!
Wir sind allen und jedem gegenüber tolerant, es sei denn, meinungsbildende Mechanismen erklären uns das Gegenteil.
 
Beispiele gefällig?
Bis vor wenigen Jahrzehnten hat uns in Mitteleuropa der Islamismus nicht wirklich beschäftigt. Jetzt, nach 09/11, Osama bin Laden und Selbstmordattentäter wurden wir aufgeklärt, dass jeder Bartträger ein potentieller Dschihad-Anhänger sein könnte. Ganz gleich, ob er einen Kaftan trägt, ein buddhistischer Mönch ist oder in den Schweizer Alpen Käse herstellt.
Bart ist Bart.
Andererseits galt bis vor kurzem noch eine Tätowierung als das Sinnbild der gesellschaftlichen Ausgrenzung. In Europa herrschte die Meinung vor, dass tätowierte Menschen entweder ehemals Häftlinge waren, oder Häftlinge, die gerade ausgebrochen sind, oder Schwerverbrecher die Häftlinge waren, oder Seefahrer, die deswegen jetzt zur See fahren, weil sie mal im Gefängnis waren (also Häftlinge) und keine andere Arbeit mehr bekommen. Andere Kulturen, wie die Maori oder manche afrikanischen Stämme, sehen das vielleicht nicht so eng. 
Jedenfalls tragen nach einer aktuellen Studie in Deutschland inzwischen rund 25 Prozent der Menschen bis 30 Jahre eine Tätowierung. Tendenz steigend. Ein Tattoo wird heute mehrheitlich als „Kunst am Körper“ gesehen, die man eher offen zeigt, als sie versteckt.
 
Einerseits dürfen wir also unseren Zorn oder Ärger über jemanden nicht nach außen tragen, weil es politisch unkorrekt ist und gesellschaftlich verpönt. Andererseits bedeutet das nicht gleichzeitig, dass wir diese Emotion nicht mehr verspüren. Im Gegenteil, behaupte ich mal. Nur versuchen wir sie zu unterdrücken, lächeln der giftspeienden Schlange im Büro zu, obwohl wir genau wissen, welchen Unsinn sie verzapft. Auf der anderen Seite machen wir unserem Ärger Luft, indem wir hinter dem Rücken der Schlange über sie schimpfen. Wir gehen heute Konfrontationen mehr und mehr aus dem Weg. Stattdessen schmieden wir Allianzen, um den Gegner in die Schranken zu weisen.
Übrig bleibt ein negatives Gefühl, denn Wut lässt sich nicht so leicht unterdrücken.
Klar, ich finde es gut, dass man nicht bei der kleinsten Kleinigkeit sein Gegenüber anschreit, dass es ihm die Haare vom Kopf zieht. Auch begrüsse ich die Entwicklung, dass man im Falle eines Disputs diesen nicht mehr möglichst akkurat damit beendet, indem man seinen Kontrahenten mit einer Keule eine detailgetreue Nachbildung des Grand Canyon in den Schädel rammt. Ein solches Vorgehen möge in der Steinzeit akzeptiert worden sein und vielleicht noch im frühen Mittelalter maximal für ein leichtes Kopfschütteln gesorgt haben; in unserer heutigen Zeit muss man sich einfach ein wenig im Griff haben.

 

Apropos Steinzeit: Die Ursache für Emotionen wie Ärger und Zorn (und natürlich deren entsprechenden Abstufungen Wut, Verstimmtheit etc.) liegt mal wieder in der Steinzeit.
Damals war es so, dass Ngg, unser Steinzeitmensch, ein paar Eigenschaften dringend benötigte, um überhaupt überleben zu können. Man muss sich vorstellen, dass der frühe Mensch im Vergleich zum Rest der Lebewesen auf diesem Planeten so ziemlich die Arschkarte gezogen hatte: Der Steinzeitmensch war langsam, relativ schwächlich, und da er auf zwei Beinen lief, war es mit seinem Gleichgewicht nicht wirklich aufregend bestellt. Er  fror,  wenn es kalt war und schwitzte sofort, sobald die Sonne nur daran dachte, am Horizont zu erscheinen. Auch seine Zähne sorgten bestenfalls nur für Erheiterung.
Kurz gesprochen, Ngg war ein totaler Waschlappen, der maximal der damaligen Steppenmaus gefährlich werden konnte. Ihm gegenüber standen Kaliber wie Säbelzahntiger, Mammut, die frühe Form der heutigen Bären oder das Krokodil. Sollte er mal Lust verspürt haben, ins Wasser zu gehen, dann konnte er dem urzeitlichen Hai winken, der zu dieser Zeit auch nicht viel freundlicher als heute war, und noch weniger war er Vegetarier.
 
Der einzige Grund, warum der Mensch nicht sofort wieder ausstarb, befindet sich ganz oben und heißt „Gehirn“. Eben dieses Gehirn hatte sehr schnell erkannt, dass Ngg in dieser Welt keinen Meter Raum gewinnt, wenn es nicht schnell etwas dagegen unternimmt. So geschah es, dass sich die Urform der Emotionen entwickelten. Im limbischen System des Gehirns entstand etwas, das man als „Überlebensstrategie“ bezeichnen kann. Diese sorgte (und das tut sie auch heute noch) für die wichtigsten Verhaltensweisen des Menschen.
Nämlich Verstecken, Flüchten und Angreifen.
In dieser Reihenfolge.
Mit „Verstecken“ ist eher eine Art „Erstarren“ gemeint, also ein plötzliches Innehalten im Moment der (vermuteten) Gefahr. Die Strategie des Gehirns dabei ist, dass wenn ich mich nicht mehr bewege, glaubt der Feind, ich wäre nicht da. Gut, kann klappen, muss aber nicht. Darüber könnte man jetzt uferlos diskutieren, klar. Unserem Denkorgan ist halt nichts Dümmeres eingefallen.
Wir kennen dieses Verhalten übrigens auch.
Jedes Mal, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, wenn sozusagen „Gefahr“ droht, verharren wir einen Moment lang. Wenn uns beispielsweise unser Chef damit konfrontiert, dass wir Bockmist gebaut haben, halten wir innerlich die Luft an und rühren uns nicht. Das kann jetzt eine Sekunde lang dauern oder bei manchen den gesamten restlichen Arbeitstag. Die Reaktion selbst wird vom limbischen System gesteuert und kann nur sehr schwer bis gar nicht kontrolliert werden.
Fairerweise muss an dieser Stelle gesagt werden, dass diese Entwicklung nicht nur dem Menschen vorbehalten blieb: So ziemlich jedes andere Lebewesen verfügt über diese Überlebenstechniken, wobei ich gerne mal einen Grizzlybären in Schockstarre sehen würde. Sieht sicher witzig aus. Aber andererseits: Vor was sollte der sich fürchten? In Kanadas Wäldern. Vor einem Fuchs? Oder einem Maulwurf, der urplötzlich aus der Erde schiesst und unseren Bären zu Tode erschreckt?
 
Doch gehen wir wieder zurück in die Steinzeit.
Ngg wusste zwar, dass es für ihn nun drei Möglichkeiten gab, er hatte aber keine Ahnung, was er wann machen sollte. Wieder war das Gehirn aktiv und stattete ihn mit so etwas Praktischem wie den Emotionen aus. Idealerweise wurden sie vom bewussten Denken losgelöst, daher konnte Ngg und seine Jungs ab diesem Moment viel schneller auf etwas reagieren. Nun waren emotionale Ausdrücke wie Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung möglich.
Jetzt war klar, dass wenn man sich freute, musste man nicht sofort weglaufen und sollte man zornig werden, braucht man nicht automatisch in Schockstarre zu verfallen. Das Gehirn sorgte dafür, dass in der richtigen Situation die dafür passende Emotion abgerufen wurde, die letztlich zur korrekten Reaktion führte. Man kann also sagen, dass die netten Leute von der Evolution die Emotionen deswegen entwickelt haben, damit wir rasch auf entscheidende und lebenswichtige Ereignisse reagieren können.
Ziemlich zur gleichen Zeit erfand das fleißige Gehirn zwei Spielgefährten für die Emotionen: Die Mimik und die Körpersprache.
Ui, da war die Freude groß, als die Emotion das erste Mal auf ihre neuen Freunde stieß! Jetzt konnte Ngg endlich zeigen, was an Gefühlen auf ihn einschwappte. Da riss er dann die Augen auf, wenn ein Säbelzahntiger vor ihm stand, da fuchtelte er mit den Händen wild herum, wenn die total scharfe Maus von Höhle 4 mit dem knappen Wüstenspringmaus-BH an ihm vorbei stolzierte! Auf der Jagd konnte er unter verächtlichem Knurren und Grunzen seinem total bekloppten Bruder mit gerunzelter Stirn und Kopfschütteln zu verstehen geben, dass Bäume nicht ausweichen, auch wenn man noch so oft dagegen läuft.
Jeder in der Gruppe verstand die Sprache des Körpers und Grunzlaute waren nur mehr Beiwerk.

 

Diese Entwicklung war so sagenhaft erfolgreich, dass die heutigen Menschen nach genau dem gleichen Schema vorgehen, wie seinerzeit Ngg und die anderen Steinzeitmenschen aus dem Neandertal.
Der frühe Mensch brauchte also die nonverbale Kommunikation, um sich Gleichgesinnten gegenüber verständlich zu machen. Und die Emotionen versorgten seinen Körper blitzartig mit notwendigen Ressourcen, um möglichst schnell reagieren zu können. Das ist der Grund, weshalb wir bei Gefahr automatisch den Körper schützen oder zurückweichen: Im Zweifel flüchten wir und wir bedecken unsere lebenswichtigen Organe.
Stellen wir uns vor, was passiert, wenn wir plötzlich Angst verspüren. Das Herz beginnt, schneller zu schlagen, Schweiß bricht aus.
Der Körper bereitet sich darauf vor, zu flüchten. Dafür wird Blut in die Beine gepumpt, deswegen die erhöhte Herzaktivität. Manche kotzen sich auch an. Ein gutes Beispiel dafür ist Stan Marsh aus „Southpark“. Er kotzt immer Wendy an, wenn er sie sieht. Klar, er ist in sie verknallt und hat Angst, sie könnte ihn zurückweisen. Wenn also du, lieber Leser, dazu neigst, andere anzukotzen, dann weisst du jetzt, dass du damit nicht alleine bist. Es gibt zumindest eine Zeichentrickfigur, die dieses Schicksal mit dir teilt. Ob diese Erkenntnis beruhigend ist, ist natürlich eine andere Frage.
Jedenfalls kamen die Steinzeitmenschen mit ihrer Gestik, Mimik und den Emotionen wunderbar miteinander aus, bis … ja, bis irgendein Idiot auf die Idee kam, die Sprache zu erfinden.
Keine Ahnung, wie so etwas passieren konnte, jedenfalls fing irgendwann jemand damit an, mit Grunz- und Knurrlauten zu experimentieren und formte so die Sprache.
Wenn bis jetzt alles reibungslos geklappt hatte, erklärte Ngg plötzlich allen, dass er sich für die hammerscharfe Schnitte da neben dem Mammut gar nicht interessiere, obwohl sein Kopf rot anlief, wenn sie ihn ansah und sein Ständer unterm Waschbärfell eine ganz andere Sprache sprach. Seine Kumpels kannten sich jetzt gar nicht mehr aus: Obwohl sein Körper den Olymp der Geilheit erklommen hatte, drückten seine Worte etwas völlig anderes aus. Alle waren irritiert, ausser Ngg, der spitz wie Nachbars Lumpi war, und sein Bruder, der bekloppterweise gegen einen Baum lief.
Als dann irgendein anderer Verrückter auch noch die Schrift erfand, war es ganz aus mit dem gegenseitigen Verständnis. Jetzt schrieb man was anderes, was man eigentlich sagen wollte und der Körper selbst ging überhaupt ganz eigene Wege.

 

Nichts passte mehr zusammen.

 

Das ist ungefähr jener Zustand, in dem wir uns heute befinden: Während unser Körper uns ständig vor Bedrohungen warnt, die es gar nicht mehr gibt (die Wissenschaft geht beispielsweise davon aus, dass die weit verbreitete Angst vor Spinnen oder Schlangen, Relikte aus der Steinzeit sind, wo diese Tiere tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr für den Menschen darstellten. Man denke hier nur daran, dass die Menschen in den Höhlen oftmals die Gesellschaft mit jenen Tieren teilten, vor denen wir uns heute noch fürchten), verbreitet unser Mund Lügen, die der eigene Körper wiederum als solche entlarvt. Ein gewaltiges Durcheinander also.

 

Nachdem wir uns diesmal mit der Ursache der Emotionen befasst haben, gehen wir das nächste Mal der Frage auf den Grund, welche Formen von Ärger und Zorn es gibt, und wie wir damit umgehen können.
 
Zum Abschluss dieser Folge habe ich ein interessantes Zitat gefunden:
„Gegen andere gerichtete bösartige Handlungen sind fester Bestandteil fast aller Kulturen“
Samuel Bowles, US-Verhaltensforscher
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