Dschungelcamp und andere Peinlichkeiten

 
Dschungelcamp ist peinlich; Big Brother ist es auch. Darin sind sich gefühlte zwei Drittel der Deutschen einig. Ähnlich verhält es sich mit DSDS, X-Faktor und Popstars. Nur ist dort nicht die Show selbst peinlich, sondern die Teilnehmer sind es … jedenfalls so lange, bis die Überlebenden der Vorrunden die Liveshows erreichen.
 
Interessant ist, dass offenbar niemand diese Shows im TV verfolgt. Beinahe jedes Mal wenn ich danach frage, bekomme ich als Antwort: „Nee, das gucke ich nicht!“ Gleichzeitig werde ich restlos aufgeklärt, was bei der letzten Folge Spannendes passierte und wer was sagte, aß und tat. Das kennen wir von der „BILD“: Keiner liest sie und scheinbar kauft ein Wohltäter täglich zwei Millionen Exemplare, die er dann im Keller hortet … 
 
Was ist nun dran an diesen TV-Formaten, auch „Reality-TV“ genannt? Warum verdienen die Sender so viel Kohle damit, dass sie gar nicht mehr aufhören wollen, uns mit immer neuen Versionen das Hirn vollzustopfen?
Hier sollten wir drei Gruppen unterscheiden:
Jene Art von Shows, in denen ehemalige Promis ums Überleben – welcher Art das auch immer ist – kämpfen (das Dschungelcamp z.B.).
Jene, in der eine schier unüberschaubare Zahl von Menschen unter einer missglückten Selbstwahrnehmung leidet (DSDS, X-Faktor, …).
Und schließlich solche, in der eine überschaubare Zahl von Personen nichts vorzuweisen braucht, außer viel Zeit und keinen Job (Big Brother).
 
Der Zuseher reagiert immer gleich: Jedes Mal aufs Neue starrt er in das TV-Gerät und beobachtet gespannt, wie sich unterschiedliche Menschen innerhalb der Gruppe verhalten. Was sie sagen, was sie tun, was sie kochen, wie sie sich streiten und wieder versöhnen, nur um gleich darauf erneut rumzuzoffen.
So gesehen könnte ich mich auch vor ein beliebiges Jobcenter der Agentur für Arbeit stellen und dort alle angaffen. Ist genauso spannend, oder?
Nein, ist es nicht, sonst würden endlich mal viele Menschen die armen Arbeitssuchenden motivieren und Menschentrauben vor den Jobcentern würden Izmir, Gülem und Adelheid mal so richtig dabei anfeuern, bei dem was die gerade so tun.
 
Bei DSDS & Co. verstehe ich die Motivation der Zuseher ja noch. Man freut sich einfach, dass sich andere mal so richtig blamieren. Auf der Couch sitzend dabei zu sein, wenn jemand glaubt, er könne singen, und sobald er den Mund aufmacht, fallen sämtliche Vögel vom Himmel, hat etwas Befreiendes. Dann weiß man, dass man nicht alleine ist auf der Welt mit seinen Unzulänglichkeiten. 
Wer will etwa abstreiten, dass es einem nicht jedes Mal eine diebische Freude bereitet, wenn bei DSDS irgendein Spacko vor die Kamera tritt und in einem Deutsch, dass nicht mal die Neandertaler sprachen, vollmundig erklärt, dass er der nächste Superstar ist. Sobald die Linse der Kamera den Spacko erfasst und scharf gestellt hat, wissen wir, dass der Typ ein Loser ist und restlos talentbefreit. 
Interessant, nicht wahr?
Der Mensch hat hier überaus präzise Instinkte, wenn sich um Außenstehende handelt.
Die Präsentation des nächsten Kandidaten startet, wir sehen den Typen (ganz gleich, ob männlich oder weiblich) knappe drei Nanosekunden und unser Gehirn öffnet bereits ganz lässig die Schublade „Vollpfosten“. 
So nebenbei erwähnt fasziniert es mich jedes Mal erneut, dass alle diese besagten hoffnungsvollen Bohlen-Opfer immer mit zusammengewachsenen Zähnen zu reden scheinen. Die kriegen einfach den Mund nicht auf, wobei man zusätzlich das Gefühl nicht los wird, dass die noch die Tampons vom letzten Zahnarztbesuch vor acht Jahren in den Backen stecken haben!
Wie die Geschichte dann ausgeht, kennt man ja: Bohlen-Opfer betritt den Raum, Jury kichert schon bösartig, Opfer kriegt den Mund natürlich wieder nicht auf, beginnt zu krächzen, verschluckt sich, krächzt noch schlimmer und wird rausgeworfen.
 
Das zu sehen bereitet dem Zuseher unsagbare Freude. So eine Szene schüttet so dermaßen viele Endorphine, also Glückshormone, aus, dass man nächste Woche erneut gierig vor der Glotze hockt.
Der geneigte Leser möge sich an der Stelle denken, dass „der Mensch halt ein Voyeur ist“ und eben gerne Leute beobachtet.
Dieser Gedanke ist fatal, denn der Voyeur ist jemand, der aus Gründen der sexuellen Stimulanz andere ausspäht. Ich hoffe jetzt nicht, dass irgendjemand einer abgeht, wenn der Kevin mit den abstehenden Ohren und ebensolchen Augen, aus voller Inbrunst Whitney Houstons „How will I know“ brüllt. 
Mit Voyeurismus hat das nichts zu tun, wohl eher etwas mit Schadenfreude. 
Wem entlockt es nicht ein gehässiges Grinsen, wenn auf der Straße Frauchen über ihren bakteriengroßen Hund stolpert und sich dabei in der Leine verheddert? 
TV-Formate wie „Ups, die Pannenshow“ sind der beste Beweis für die Grausamkeit der Menschen.
Gutes Stichwort. Wenden wir uns mal jenen Prominenten zu, die aus lauter Verzweiflung beginnen, mit Kakerlaken zu spielen und ihr Gekochtes auch noch selbst zu essen. 
Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Eklige Aufgaben zu lösen oder eklige Aufgaben zu lösen und dabei zu tun, als wäre das Ganze ein riesen Spaß?
Bei der Reality-TV-Show „Dschungelcamp“ ist der Erfolg dadurch gegeben, dass der Zuseher Prominente darin beobachten kann, wie diese von Tag zu Tag mehr verfallen. Es ist weniger dieses „das sind auch nur Menschen wie du und ich“, sondern eher ein „bin ich froh, dass ICH nicht so tief gesunken bin“.
Der Promi genießt in der Gesellschaft einen besonderen Status, den ich an dieser Stelle „volatil“ nennen möchte. Ähnlich der Volatilität einer Aktie kann die Beliebtheit einer öffentlichen Person wie eines Schauspielers, Musikers oder eines ehemaligen Castingteilnehmers mit einem Wimpernschlag auf den nächsten, von „unendlich beliebt“ auf „miese Ratte“ wechseln. Dazu braucht es nicht viel. Ein falscher Blick oder ein unpassendes Wort genügt. Die meisten Menschen identifizieren sich mit prominenten Personen, denn wenn diese den Nimbus des Besonderen haben, dann hat es ein Lieschen Müller, die sich wie Paris Hilton kleidet, ebenfalls. Glaubt sie jedenfalls.
Promis sind Wesen aus einer anderen Welt. Sie sind schön, erfolgreich und souverän. Sie bleiben unter Ihresgleichen und stehen über den Dingen. So denken zumindest die meisten derjenigen, die nicht prominent sind. Im Dschungelcamp wiederum stellt sich nicht die Frage, ob man scheitert, sondern wann und mit welcher Härte. 
„Der Mensch wächst am Leid der Anderen“. Genau das ist das Geheimnis dieser Reality-Show.
Übrig bleibt jetzt noch Big Brother. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo hier die Faszination ist. Vielleicht liegt sie darin, dass wir bei diesem Format in einen Spiegel blicken: Ganz normale Menschen mit ihren ganz normalen Problemen Sie sehen morgens genauso mies aus wie man selbst und labern auch nicht viel klüger daher, wie der doofe Onkel Gustav. Es ist sozusagen das beruhigende Gefühl, dass das eigene Leben gar nicht so übel ist. So etwas setzt auch Glückshormone frei. Die Gewissheit, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die von der Schöpfung noch weniger beachtet wurden, als man selbst. Das beruhigt.
Ganz egal, wie der Zuseher gebacken ist: Die TV-Sender haben für jeden Topf den passenden Reality-TV-Deckel.
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