„Birnenförmig“

Neulich war Lucky, unsere weiße Westhighland-Terrier-Hündin mal wieder beim Tierarzt. Der Tierarzt, von den Menschen Dr Zehentbauer oder manchmal einfach nur „Waudoktor“ genannt, ist ein umsichtiger, vertrauenswürdiger und unendlich geduldiger Vertreter seines Faches. Einer der, so scheint es ab und an, die Welt der Tiere besser versteht als die seiner Artgenossen. Dieses Gefühl umschleicht mich zeitweise, wenn ich mal wieder versuche, mit ihm Konversation zu betreiben und er mich dabei wortlos ansieht, als wäre ich persönlich für das Robbensterben verantwortlich. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich als Österreicher einen anderen Dialekt spreche als unser Waudoktor aus Hessen.
Letztlich ist es egal, denn schließlich muss er mir keine Wurmtabletten verschreiben oder meine Analdrüse ausdrücken, sondern seinen vierbeinigen Patienten, zu denen ich mit Sicherheit nicht gehöre.
Dr. Zehentbauer ist jedenfalls – aus hundepatiententechnischer Sicht – ein ganz Toller und er hat Lucky schon einige Male sehr geholfen. Sei es, weil sie irgendein dämliches Gewächs über dem linken Auge hatte, das noch dazu den Nerv besaß, viel zu schnell zu wachsen, oder er mal wieder ihre Zähne behandeln musste, da die Kleine totale Probleme mit Zahnstein hat.
Egal, er könnte die Mutter Theresa der Hundewelt sein, Lucky hasst ihn.
Schon allein, wenn wir mit ihr die Tierarzt-Praxis betreten und nur daran DENKEN, in den Warteraum zu gehen, bekommt Lucky eine mittelheftige Krise. Von einer Sekunde auf die andere beginnt sie dann zu hecheln als hätte es in dem Raum 55 Grad im Schatten  oder sie seit ungefähr 3 Monaten nichts mehr trinken gehabt. Den Dampf, den sie dabei ausstößt, macht einem durchschnittlichen Luftbefeuchter Konkurrenz und es würde mich nicht wundern, wenn die Praxis derzeit ein akutes Schimmelproblem hat.
In Kombination mit einer spontanen Versteifung ihrer vorderen Stummelbeinchen inkl. eines sehr forsch eingelegten Retourganges kann so eine Situation für einen Hundehalter schon mal ganz schön nervig werden.

Irgendwann hat man es dann als Herrchen und Frauchen von Lucky endlich geschafft, die knappen zwei Meter zu den Sitzplätzen zurückzulegen. Während man noch dabei ist, mit mantra-ähnlichen Beruhigungsfloskeln den Hund in tiefe Hypnose zu säuseln, kommt auch schon die Sprechstundenhilfe des Onkel Waudoktors und wirft einen Blick auf den Luftbefeuchter unter den Stühlen. Einen weiteren mitleidigen Blick später – und zwar auf uns – fragt sie artig, wer der Hund denn sei und warum wir denn überhaupt hier wären?
Beim Tierarzt ist es nämlich so, dass der Mensch auch karteikartentechnisch nichts zählt, denn auch die Patientenakte wird scheinbar nur unter dem Namen „Lucky“ geführt und sonst nichts. Vielleicht noch mit dem Zusatz „hechelt wie geistesgestört“.
Nachdem wir artig alles beantwortet hatten – natürlich antwortet hier nur einer von uns, während der andere das Beschwörungsmantra weiter rezitiert – dampft die Sprechstundenhilfe wieder dankbar ab. Natürlich nicht ohne sich mit einem Blick unter den Stühlen zu vergewissern, ob dort wirklich Lucky sitzt oder die Putzfrau den Luftbefeuchter irrtümlich angelassen hat.

Die nächsten 15 Minuten verbringen wir also damit, abwechselnd Lucky ins Koma zu quasseln und uns abzulenken, indem meine Freundin und ich sehr spontan das Plakat mit der Flohband-Werbung ungemein interessant finden. Da wir uns beide nicht einigen können, ob uns ein Gespräch über Flohband oder Luckys Versuche, endgültig zu hyperventilieren, mehr am Keks geht, lassen wir das mit dem Flohband und ich versuche es mal mit einem forschen: „Wirst du jetzt ruhig sein! Wir sind ja nur beim Tierarzt und nicht im Institut für Tierversuche!“
Natürlich wirkt die plötzlich aufgetretene Stille irgendwie irritierend, denn jetzt wissen wir beide nicht, ob der Hund sich verschluckt hat und daran ersoffen ist oder wir sie erfolgreich einschüchtern konnten. Die bösen Blicke der anderen – inzwischen eintrudelnden – Tierbesitzer ignorierend stellen wir fest, dass Lucky noch unter uns weilt. Natürlich freut man sich darüber, aber der nun auf Hochbetrieb laufende Luftbefeuchter mit der Geräuschkulisse einer Dampfmaschine im Schnellvorlauf trägt  nicht unbedingt viel zur vollkommenen Entspannung eines Hundebesitzers bei.

Irgendwann geht die Türe auf, eine lächelnde Sprechstundenhilfe ruft Luckys Namen. Lucky versucht gleichzeitig in einer letzten Verzweiflungstat Richtung Ausgang durchzustarten, erkennt nach ungefähr einer halben Sekunde, dass dieses Vorhaben mal wieder nicht von Erfolg gekrönt ist, und lässt sich in den Untersuchungsraum schleifen.
Onkel Waudoktor bedenkt meine Freundin und mich mit einem kurzen Kopfnicken und begrüsst unsere Hündin mit einem jovialen: „Na, auch mal wieder zu Besuch?“ Lucky selbst lässt sich auf keine langen Diskussionen ein und dreht den Kopf weg. Erfreulicherweise unterlässt sie es diesmal, den Akademiker anzuknurren. Erfreulich deswegen, da ihr Knurren so klingt wie die Startversuche eines Zweitakters.
Auf die Frage, was denn diesmal anläge, antworten wir pflichtbewusst mit einem: „Jahresservice, mit Spritze und so.“
Lucky wird von Frauchen auf die Hebebühne, will sagen: Untersuchungstisch, gehoben und dank ihres völlig versteiften Körpers klappt das auch ganz gut.
Zuerst kommt die Spritze dran. Da meine Freundin wieder mit dem Mantra-Rezitieren beginnt und der Hund jetzt beinahe reflexartig ins Wachkoma fällt, bekommt Lucky den Einstich überhaupt nicht mit. Nach den üblichen Untersuchungen von Auge, Zähne, Ohren und Fell widmet sich der gute Onkel Doktor nun um ihre Analdrüse.
Hunde haben nämlich eine Analdrüse und die ist dafür da, so hat man es uns irgendwann mal erklärt, dass der Hund beim Kacken Duftstoffe aussendet, um damit sein Revier zu markieren … oder einfach nur, um unerträglich zu stinken.
Interessanterweise ist bei Lucky diese Drüse so gefüllt wie eine Wasserbombe im Schwimmbad. Mit vereinten Kräften hält das eine Team den Hund fest und das andere Team – das als einziges Mitglied den Dr. Zehentbauer hat – kümmert sich um Luckys anale Drüsenangelegenheiten.
Glücklicherweise ist es ein kurzes Unterfangen: Doktor drückt, Hund jault und knurrt gleichzeitig, bäumt sich auf und will alles beissen, das nicht den Aggregatzustand „gasförmig“ oder „flüssig“ hat. Da unser verwöhnter und sturköpfiger Westhighland-Terrier nur noch drei Zähne sein eigenen nennen darf, ist so ein Biss von ihr auch gut aushaltbar. Aber gut, Frauchen hat sie so festgehalten, dass nicht vielleicht auch noch junge und unvorsichtige Sprechstundenhilfen zu Schaden kommen, denn die stand nämlich daneben und wirkte kurz etwas irritiert ob Luckys Eskapaden.
Mir ist es ja sowieso ein Rätsel, wieso bei dem Hund die Analdrüse gefüllt sein kann. Eigentlich müsste diese so leer sein wie ein Brunnen in der Sahara nach einer zehnjährigen Dürreperiode, so wie der Hund jeden Tag kackt!
Ich weiß sowieso nicht, was der Hund in meinem Garten noch markieren möchte, denn inzwischen gibt es da mehr Hundehaufen als Landminen in Kambodscha. Ich glaube, es gibt inzwischen keinen einzigen Fleck, der nicht als des Hundis Territorium markiert wurde. Es passiert nicht selten, dass wir mit ihr eine Stunde im Wald unterwegs waren und sie anschließend schnurstracks in den Garten geht, um zu kacken.
Egal, jedenfalls ist die Analdrüse jetzt wieder leer und alle sind glücklich darüber.
Dann war das „Abwiegen“ dran und nach einem prüfenden Blick auf die Skala sah der Onkel Waudoktor uns etwas missbilligend an.
„Gratuliere, sie hat ihr Höchstgewicht überschritten“, bekamen wir in einem Tonfall zu hören der mehr zu den Worten: „Gratuliere, sie haben Ebola nach Deutschland eingeschleppt!“ gepasst hätte.
Ich war schon nahe dran, darauf mit „Danke, es war auch eine Menge Arbeit“, zu antworten, aber wahrscheinlich hätte er den Witz nicht verstanden und daher sagte ich gar nichts.
Meine Freundin versuchte die Gewichtszunahme mit einem spontanen Muskelwachstum zu erklären, da Lucky in letzter Zeit häufig im Wald am „Pilze sammeln“ ist. Das mit dem „Pilze sammeln“ ist so zu verstehen: Die Mutter meiner Freundin nimmt Lucky immer mal wieder mit zum Pilze sammeln, fordert den Hund mit einem motivierenden „Such den Pilz!“ auf mitzumachen und wenn Lucky zufälligerweise über einen Pilz fällt oder auf ihn latscht, dann wird der Hund wie ein Star der Pilzsucher-Szene gefeiert.
Naja, dass war das erste Mal, dass der Waudoktor herzhaft lachen musste. Weniger über die Geschichte mit dem Pilz als über die Ausrede mit dem Muskelzuwachs.
Jedenfalls meinte er, dass der Hund inzwischen über eine birnenförmige Anatomie verfüge und sie müsse „in den nächsten zwei Wochen auf 9,5 Kilo kommen“, also ein Kilo abnehmen.
Bei dem Wort „birnenförmig“ herrschte einige Sekunden lang Schweigen und sogar der Hund hatte sein Hecheln unterbrochen und sah den Tierarzt mit eisigem Blick an.

Jetzt ist jedenfalls Diät angesagt, denn in zwei Wochen findet eine Kontrollmessung statt und Lucky muss wieder fit werden … und wir müssen bei ihr übertriebenen Muskelzuwachs unbedingt vermeiden.

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8 Antworten auf „Birnenförmig“

  1. Hummeldumm sagt:

    wieder ein angriff auf die lachmuskeln !!!!!!!!!!!!!!!!!!
    wahnsinn, wie man aus einem banalen arztbesuch so ein werk hin bekommt ! ;-)))

  2. Tabs sagt:

    ein birnenförmiger Hund, wo ist denn da das dicke Ende? *guckt interessiert*
    LG

  3. Mark sagt:

    Das dicke (dann wahrscheinlich das „mega-birnenfoermige) Ende kommt, wenn Lucky in den zwei Wochen NICHT das eine Kilo abgenomen hat. 😉
    Den Waudoktor moechte ich nicht zornig erleben… *schmunzel*

  4. Tabs sagt:

    Dann beiß ihn doch einfach! *g*

  5. zwergbuddy sagt:

    Hab mich gerade so scheckich gelacht, dass mein Schatzi den Raum verlassen hat ;-)) hab ihn beim lesen gestört.
    Der Kracher, jetzt ist mir klar, warum Lucky nur noch Mittagessen bekommt. Hoffentlich hat die Karotte an Silvester nicht alles zunichte gemacht weil sie dafür ja schon etwas Leistung bringen mußte – nicht dass sie dadurch noch mehr Muskeln bekommen hat.

  6. leberwurst sagt:

    Mein absoluter favorit von den ganzen beitraegen !!!

  7. Bruce sagt:

    Du kannst aber Lucky keinen Vorwurf machen das Sie Dir den Garten vollkackt.
    Wir gehen doch auch lieber zu Hause auf’s Klo, wenn wir’s schaffen, als im Wald.

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