Warum ist Sex keine Zahl? … Teil 4

 
Irgendwann im Laufe seines Daseins erkennt jedes Lebewesen, dass der Freude am Existieren ein gehöriger Kick verschafft wird, wenn es seinen Weg mit jemanden teilt. Letztlich geht, hüpft, schwimmt, fliegt, hoppelt oder kriecht es sich zu zweit immer besser als einsam und alleine.
Wenn diese Hürde überwunden wurde dann dauert es meist nicht lange und das Lebewesen spürt ein Kribbeln in der Hüftgegend und, tja, und damit beginnt dann das ganze Dilemma.
Auf diesen Aspekt reduziert befindet sich Mensch auf einer Stufe mit Kolibri, Hundertfüsser, Spitzmaus oder Wuff, dem Hund.
Der einzige Unterschied ist vielleicht jener, dass Wuff, der Hund, nicht nächtelang wach liegt und darüber brütet, wie er  seine Traumhündin ansprechen könnte und wie er sie am besten flachlegt.
Im Unterschied zum Menschen besteigt Wuff einfach die nächstbeste Hündin wenn ihm der Sinn danach steht, und sollte sie keinen Bock darauf haben, dann schnappt sie höchstens ein paar Mal nach ihm, er lässt es bleiben und alles ist wieder gut.
Naja, über den ersten Teil dieser Aussage kann man natürlich diskutieren, denn so mancher Mann funktioniert nach genau diesem Schema, aber wie sieht es sonst aus?
Jedenfalls wird ihm die Hündin nicht eine mörderische Szene machen, heulend zu ihren Freundinnen laufen und sich darüber auslassen, was für Schweine alle Rüden doch sind und am ganzen Hundeplatz herumposaunen, wie schäbig der Wuff doch nicht ist, hat er sie doch gleich besteigen wollen und fand es nicht mal der Mühe wert, vorher ein wenig an ihr herumzuschnüffeln!
Wenn es doch soweit kommen sollte und Hündin lässt unseren Wuff heran und dieser trollt sich dann nach erfolgreicher Besteigung, dann ist das auch o.k. und beide gehen anschliessend ihres Weges.
Keiner ist dem anderen böse weil sie sich vorher nicht ewige Liebe geschworen hatten und nein, Hündin macht Wuff deswegen keine Szene und sie schreibt ihm auch keine seitenlangen Mails mit wortreichen Erklärungen wie sehr sie jetzt verletzt ist und das sie seitdem allergisch auf Frolic reagieren würde und der Wuff an allem schuld sei.
 
Natürlich darf man das alles jetzt nicht verallgemeinern und ganz klar ist die Welt nicht voller menschlicher Wuffs und Hündinnen, keine Frage. Aber auf bestimmte Archetypen trifft man einfach immer wieder und es hilft einfach, einen solchen zu identifizieren, um keine bösen Überraschungen zu erleben.
 
In einem der vorigen Teile zum Thema „Warum ist Sex keine Zahl?“ hatten wir schon die männlichen Sex-Archetypen nach Carter näher betrachtet und nun folgen die männlichen Anmach-Archetypen… nach Carter, versteht sich.
Man trifft sie überall und vor allem gibt es schlicht keinen Platz auf diesem Planeten, wo sie nicht überlebensfähig wären. Völlig egal, ob Frau gerade in der Kirche im Beichtstuhl sitzt und ihre Sünden herunterspult, ob sie im Supermarkt verzweifelt nach einer kalorienreduzierten Zahnpasta sucht oder sich im abstürzenden Flugzeug die Seele aus dem Leib brüllt: Ein Mann, der sich auf der Jagd befindet ist nicht besonders wählerisch was sein Jagdrevier betrifft.
Was das sogenannte „menschliche Balzverhalten“ betrifft, finden sich auf beiden Seiten, also beim männlichen sowie auch dem weiblichen Vertreter, typische Archetypen, die nach ganz bestimmten Mustern vorgehen.
 
Betrachten wir hier zunächst den Mann, also die – meist – aktive Seite wenn es um das knüpfen zarter Bande geht.
Die Anmach-Archetypen (AA) werden in „der intellektuelle Dandy“, „Gorilla-Arnold“, „der Alleskönner“ und „der stille Schweiger“ unterteilt.
 
Das weibliche Pendant auf der reaktiven Ebene, sozusagen der „Anmach-Reaktions-Archetyp“ (ARA), definiert sich als „die Erhabene“, „das Haus der Hoffnung“, „dein Haus/deine Jacht/dein Sportwagen“ und „der Blick des Todes“.
 
Aber nun alles der Reihe nach und wir beginnen am besten mit den AA.
 
Der intellektuelle Dandy:
Die Erscheinungsformen des intellektuellen Dandy´s sind vielfältig. Vom Schlabberlook, der meistens in irgendeiner Form an Woody Allen erinnert, bis hin zur hübsch gestylten Variante mit Tweed-Sakko, passendem Halstuch inkl. Cordhose und korrektem Seitenscheitel ist hier alles zu finden und einzig und allein die latente Verwirrtheit in Verbindung mit einer gewissen Schreckhaftigkeit, wenn dieser Archetyp auf einen weiblichen Vertreter seiner Gattung trifft, sind ein Hinweis darauf, dass man es mit dem „intellektuellen Dandy“ zu tun hat.
Da seine hauptsächliche Tätigkeit darin besteht nachzudenken, hat sich der gesamte restliche Körper, also alles bis aufs Gehirn, dazu entschieden, in eine Art Dauerstreik zu treten und dementsprechend ist auch das optische Erscheinungsbild unseres Brainmasters: Der Händedruck ist lasch wie ein Schwamm, die Schultern hängen wie ein Strauch nach einem Regenguss und insgesamt hat er ein Auftreten, dass leicht an Goofy erinnert, nur etwas hoffnungsloser im Ansatz ist.
Der intellektuelle Dandy macht keine Frau an, nicht im klassischen Sinne. Seine Strategie ist es vielmehr, dass er sein Opfer sozusagen mürbe redet, hochwissenschaftliche Abhandlungen zitiert in der irrigen Annahme, dass sich jemand auch nur ansatzweise dafür interessieren könnte und schwer vergeistigte Witze erzählt die eher Depressionen hervorrufen, als einen zum Lachen zu bringen.
Mit dem Sexappeal einer Wasserleiche ausgestattet, hat er nie wirklich gelernt ein empathisches Grundverständnis zu entwickeln, daher werden maximal hart gesottene weibliche Vertreter aus reinem Mitleid länger als fünf Minuten mit ihm verbringen.
Wenn der intellektuelle Dandy Glück hat, trifft er auf eine blinde Nobelpreisträgerin und dann stehen seine Chancen nicht mal schlecht.
 
Gorilla-Arnold:
Er ist laut, sehr laut sogar.
Bedingt durch einen angeborenen Minderwertigkeitskomplex verbringt er die meiste Zeit im Fitnessstudio und Solarium und die restlichen zwei Stunden des Tages versucht er „Bräute aufzureissen“, wie er es bezeichnet. Er ist absolut überzeugt, dass Frauen lediglich auf Männer mit Muskeln stehen und die nur so vor Männlichkeit strotzen. Darunter versteht er in erster Linie Muskel-Shirts und eine Stimme, die mühelos Gehörschäden verursacht.
Charme, Witz und Allgemeinbildung wird man in dieser Definition vergeblich suchen und wenn man Gorilla-Arnold danach fragt, dann erntet man lediglich ein: „Binich schwul oda was?“
Da er die meiste Zeit des Tages mit anderen Gorilla-Arnolds aus seinem Rudel verbringt, haben sich seine kommunikativen Fähigkeiten auf ein Mindestmaß reduziert, denn innerhalb Seinesgleichen kommt man mühelos mit Grunz- und Klicklauten aus, kombiniert mit kurzen Sätzen die allesamt Worte wie „Alda“, „Weissdu“ oder „Bistduschwuloderwas?“ als zentrale Bausteine haben.
 
Gorilla-Arnold wird nun das Weibchen seiner Wahl zuerst mit seinem unglaublichen Körper beeindrucken wollen.
Sollte die Auserwählte beim Anblick der mühsam erworbenen Fleischberge vor Begierde nicht gleich in Ohnmacht fallen, dann wird er beginnen, mit weit ausholenden Gesten und möglichst lauter Stimme, die seine Männlichkeit unterstreichen soll, literarische Stilblüten von sich zu geben, die einen durchschnittlichen Deutschlehrer in den Freitod treiben. Da er nicht in der Lage ist, kommunikativ zwischen Frauen und den Gorilla-Arnolds seines Rudels zu unterscheiden, wird er in den meisten Fällen scheitern, doch auch hier hat sein auf Erbsengröße aufgeblasenes Selbstwertgefühl die passende Analyse der Situation parat: „Auch nur so ne Schlampe, weissdu!“
 
Der Alleskönner:
Man trifft auf ihn vorzugsweise in Szene-Lokalen, gehüllt in einen Anzug, das Hemd lässig weiss, die oberen beiden Knöpfe geöffnet und mit Manschettenknöpfen versehen. Ein gut produziertes Rolexduplikat am Handgelenk darf hier auch nie fehlen. So wartet er mit geübten Schlafzimmerblick und einer Körperhaltung, als ob er gerade die Welt vor einem Monster-Asteroiden retten musste, auf sein Opfer.
Hat er ein Weibchen entdeckt, dann beginnt er mit der Balz. Der Alleskönner wird dann betont lässig die Luft zwischen den Zähnen einsaugen, als ob es ein Verbrechen wäre, durch die Nase zu atmen und ein Gespräch mit der immer wieder originellen Frage eröffnen, „weshalb gerade eine solche Traumfrau wie du in einem solchen Schuppen wie diesen hier zu finden ist“.
Natürlich will er damit andeuten, dass für ihn Lokale die um den Faktor drei überteuerte Getränke anbieten nichts besonderes sind, vergisst aber, dass auch er in “in einem solchen Schuppen wie diesen hier“ zu finden ist. Noch dazu ist es offensichtlich, dass er hier bereits zum Inventar gehört.
Solche Kleinigkeiten stören den Alleskönner natürlich nicht und bevor die Herzensdame den Mund öffnen kann, beginnt er auch schon von sich und seinen unglaublichen Erfolgen als Geschäftsmann, Geheimagent oder Superheld zu erzählen.
Natürlich weiss er alles, kann alles, hat alles erlebt und gesehen, was es auf dieser Welt zu erleben und sehen gab und gibt.
Den Alleskönner erkennt man sehr leicht daran, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit wohlklingende Printmedien wie „Wallstreet Journal“, „The Scientist“ oder „The Lancet“ erwähnt, wo er dies oder jenes „erst kürzlich“ gelesen hatte und man das Gefühl bekommt, dass die entsprechenden Verlage nichts besseres zu tun hätten, speziell für ihn täglich Sonderausgaben zu drucken, nur damit er etwas zu lesen hat. Auch wird er immer wieder sehr vage andeuten, wie öde Monaco im Frühling ist und wie lästig Privatjets eigentlich sind.
Scheinbar werden in supergeheimen Forschungslabors Frauen künstlich erschaffen, die zwar passabel genug aussehen, um beim normal getakteten Mann eine hormonelle Springflut auszulösen, gleichzeitig aber bestmöglich stupide sind.
Vermutlich wurden diese Wesen von den intellektuellen Dandy´s erschaffen, brechen aber regelmässig aus den Forschungszentren aus, nur um dann dem Alleskönner auf dem Leim zu gehen.
 
Der stille Schweiger:
Noch ist sich die Wissenschaft uneinig über die wahre Strategie des stillen Schweigers. Jedenfalls sitzt er völlig problemlos einen ganzen Abend in seinem Stammlokal, starrt dabei sein Glas an und wagt es ab und an, seinen Blick durch die Menge streifen zu lassen, ohne dabei an seinem Gesichtsausdruck, der latent an jenen von Lurch aus der „Adams Family“ erinnert, auch nur die geringste Kleinigkeit zu ändern.
Hat er das Objekt seiner Begierde entdeckt, dann wird er sie ab sofort immer wieder für kurze Augenblicke fixieren. Er ist sehr darauf bedacht, dass seinem Mienenspiel aber auch gar kein Hinweis zu entnehmen ist, ob er das Rehlein ein paar Tische weiter jetzt toll findet oder bei der nächstbesten Gelegenheit abschlachten will.
Den stillen Schweiger trifft man in den verschiedensten Erscheinungsformen an: Es gibt ihn in der langhaarigen, verlausten Version genauso wie auch richtig gut aussehende Varianten.
Sollte der Fall eintreten und seine still Angebetete findet ihn sogar attraktiv, dann wird sie irgendwann resignieren und aufgeben, denn der stille Schweiger wird den Teufel tun und sie ansprechen oder sogar zu lächeln oder sonst etwas zu unternehmen, was auch nur ansatzweise darauf schließen lässt, dass er sie überhaupt wahrgenommen hat.
Irgendwann wird er mal wieder völlig desillusioniert nach Hause gehen und die Welt nicht verstehen, warum er auch diesmal wieder erfolglos war, hat er doch so gut „Das Leiden des jungen Werther“ gemimt und „diese ignoranten Weiber reagieren nicht mal auf meine subtilen Zeichen“, wird er sich dann denken.
Der stille Schweiger unterliegt einer klassischen Sender/Empfänger-Störung: Er sendet so gut wie nichts, glaubt aber, dass Frauen allesamt Gedanken lesen können und wundert sich dann, warum sie ihm nicht zu Füssen liegen.
 
Soviel erstmal zu den männlichen Anmach-Archetypen nach Carter. Diese beschreiben natürlich nicht das komplette Spektrum männlichen Balzverhaltens und es sind durchaus auch Männer anzutreffen, die eben nicht in dieses Spektrum fallen. Diese sind aber so selten, dass sie durchaus als Exoten zu bezeichnen sind.
Auch kommt es vor, dass man auf weibliche Anmach-Archetypen trifft. Hier streitet sich derzeit noch die Wissenschaft, ob es sich dabei um eine mutierte Form der ARA handelt oder um eine eigene Spezies.
 
Das nächste Mal beschäftigen wir uns eingehender mit den ARA, versprochen.

 

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Eine Antwort auf Warum ist Sex keine Zahl? … Teil 4

  1. Superschnüffler sagt:

    … und wieder ein genialer beitrag von herrn carter!
    ich persönlich bin total happy, dass ich einen exoten habe und nicht an einen aa gekommen bin.
    freu mich schon auf die weibliche variante, die des ara

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